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„Höher, schneller, weiter“ — Zahl der psychisch kranken Kinder wächst

„Höher, schneller, weiter“ — Zahl der psychisch kranken Kinder wächst

NRW-Ministerin Steffens warnt vor Überforderungen schon bei den Kleinsten. Jeder zehnte Junge nimmt Psychopharmaka ein.

Düsseldorf. Psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Nahezu jeder zweite Erwachsene erkrankt mindestens ein Mal in seinem Leben — so die Bilanz, die NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) gestern zog. Grund für Angststörungen, Alkoholsucht und Depressionen, die die Großzahl der Diagnosen ausmachen, sei eine wachsende Überforderung und ein stetig zunehmender Druck in allen Lebensbereichen.

„Es gilt das Motto: höher, schneller, weiter.“ Und das mittlerweile auch schon bei den Kleinsten. So nimmt die Verordnung von Medikamenten zur Behandlung psychischer Störungen, sogenannter Psychopharmaka, bei Kindern und Jugendlichen deutlich zu. Jedem zehnten Jungen wird Ritalin verschrieben — ein Arzneimittel gegen Aufmerksamkeitsdefizitstörungen (ADS). Bei den Mädchen sind es 3,5 Prozent.

Laut Steffens wurden 2002 rund 17 Millionen Tagesdosen dieses Medikamentes verschrieben, 2010 waren es 56 Millionen. Dabei sei bei einem großen Teil der Kinder die Einnahme gar nicht notwendig, betonte Steffens. Zugleich wachse der Druck auf Ärzte, das Medikament zu verschreiben.

Die Ministerin kritisierte, dass viele Kinder unter einem hohen Leistungsdruck litten. „Sie haben Terminkalender, die oft voller sind als die von Erwachsenen.“ Die Zeit für Erholungsphasen nehme ab. Auf der Strecke bleibe die Möglichkeit, einfach nur Kind zu sein, zu spielen, sich selbst auszuprobieren. Hinzu komme, dass Kindern oft keine Zeit gelassen werde, sich von Krankheiten zu erholen. Kinderärzte berichteten, dass es vielfach nur noch um eine schnelle Genesung gehe, um den Schulbesuch sicherzustellen.

Studien über mögliche Langzeitauswirkungen durch die frühe Einnahme von Psychopharmaka gibt es laut Steffens nicht. Allerdings wisse man, dass Ritalin von Studenten genommen werde, um die Konzentration zu erhöhen. Dies deute darauf hin, dass ein Gewöhnungseffekt eintrete, wenn Kinder früh lernten, Probleme nur durch die Einnahme von Medikamenten zu lösen. Steffens rief angesichts der Zunahme von psychischen Krankheiten zu einer gesellschaftlichen Debatte auf. „Wir brauchen einen Bewusstseinswandel und Entschleunigung.“