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Hessens Grüne wollen Bodenhaftung im Höhenflug

Landtagswahl : Hessens Grüne wollen Bodenhaftung im Höhenflug

Tarek Al-Wazir macht schon in Berlin Wahlkampf. Doch seine Ambitionen richten sich derzeit auf Wiesbaden.

Die Landtagswahl in Hessen findet erst am kommenden Sonntag statt. Aber der Spitzenkandidat der Grünen, Tarek Al-Wazir, lief am Montag schon mal in der Berliner Parteizentrale auf, um sich den Fragen von Journalisten zu stellen. Ist das pure Siegesgewissheit? Immerhin wird der 47-jährige Hoffnungsträger mit deutsch-jemenitischen Wurzeln bereits als kommender hessischer Regierungschef gehandelt. Es wäre der zweite mit grünem Parteibuch, nachdem Winfried Kretschmann dieser Coup erstmals 2011 in Baden-Württemberg gelang.

Al-Wazir indes dämpfte einmal mehr die Erwartungen. Nur nicht abheben, sondern hübsch auf dem Teppich bleiben. Auf diese Haltung legt der amtierende Landeswirtschaftsminister vor dem Hintergrund der grünen Höhenflüge in den Umfragen schon länger Wert. Am Montag versuchte er, sie auch der Hauptstadtpresse zu verkaufen. „Stimmungen sind noch keine Stimmen“, wiederholte er sich da. Am Ende müsse man sehen, „was in der Sache geht“. Allerdings wollten die Grünen „so stark werden, dass keiner an uns vorbeikommt“, so Al-Wazir. Ob er denn schon Lust auf den Posten als Regierungschef verspüre? „Netter Versuch“, wehrte er die Frage ab. Wahlkampf ist auch ein Spiel mit den Medien.

Dabei scheint den Grünen in diesen Tagen so ziemlich alles zu gelingen, egal, was sie ins Auge fassen. Schon die 17,5 Prozent bei der Bayern-Wahl waren eine mittlere Sensation. In Hessen dürfte dieses Ergebnis noch getoppt werden.

„Es gibt keinen Koalitionswahlkampf“

Aktuellen Umfragen zufolge sind für die Grünen bis zu 22 Prozent drin. Manche Demoskopen sehen die Partei erneut vor der SPD. Das eröffnet viele Farbenspiele. Zwar würde Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) gern mit den Grünen weiterregieren, und Al-Wazir hätte angesichts der überraschend gedeihlichen Kooperation mit der Union in den letzten fünf Jahren wohl auch nichts dagegen. Hessen sei „grüner und gerechter“ geworden, meinte der Spitzenkandidat. Man habe eine „gute Regierungsbilanz“ vorzuweisen. Eine Festlegung ist das aber noch lange nicht. „Jeder kämpft für sich. Es gibt keinen Koalitionswahlkampf“, stellte Al-Wazir klar.

Ob es rechnerisch erneut für Schwarz-Grün reicht, ist angesichts der deutlichen Sympathieverluste für Bouffiers CDU jedoch fraglich. Im Bereich des Möglichen liegen aktuell auch ein Jamaika- Bündnis aus CDU, Grünen und FDP, eine Ampel-Regierung oder Rot-Grün-Rot beziehungsweise Grün-Rot-Rot. Zu seiner speziellen Vorliebe hielt sich Al-Wazir aber bedeckt. Im besten Fall kann man es sich aussuchen. Jenseits von Hessen ist das grüne Regierungsleben schon jetzt ziemlich bunt: In Baden-Württemberg Grün-Schwarz, in Rheinland-Pfalz eine Ampel und in Sachsen-Anhalt eine Kenia-Koalition mit CDU und SPD.

Genauso wie bereits in Bayern hat der grüne Vormarsch in Hessen viel mit dem miserablen Zustand der großen Koalition in Berlin zu tun. Auch im Bund wird die Partei aktuell auf einen Stimmenanteil von bis zu 21 Prozent taxiert.

Gegen den Polit-Krawall an der Spree wirkt die schwarz-grüne Landesregierung in Hessen wie ein Hort der Stabilität. Und ein Bündnis aus Union und SPD wäre nach den Worten Al-Wazirs auch in seinem Bundesland das Letzte, was man brauchen könnte. Selbstbeschäftigung und Personalspekulationen hätten die Menschen schlicht satt, meinte Al-Wazir mit Blick auf die politischen Turbulenzen in der Hauptstadt. Zur optischen Untermalung dieser Botschaft posierte er am Ende gemeinsam mit Grünen-Chefin Annalena Baerbock vor einem großflächigen Wahlplakat mit seinem Konterfei und der Aufschrift: „Tarek statt Groko“. So viel grünes Selbstbewusstsein muss dann doch sein.