Frauenärzte-Verbandschef zu Fehlbildungen bei Säuglingen

Interview : Nach Hand-Fehlbildungen bei Säuglingen: Frauenärzte-Verbandschef im Gespräch

Frauenärzte-Verbandschef Christian Albring hält es für zu früh, Schlüsse über einen Zusammenhang der zuletzt vermehrt aufgetretenen Hand-Fehlbildungen zu ziehen.

. Nach einer Häufung von Fehlbildungen bei Babys in einer Gelsenkirchener Klinik machen sich viele werdende Eltern Sorgen über ihren  noch ungeborenen Nachwuchs. Über mögliche Ursachen und Gegenmaßnahmen sprach unser Korrespondent Stefan Vetter mit dem  Präsidenten  des Berufsverbands der Frauenärzte (BVF), Christian Albring:

Herr Albring, drei Babys mit deformierten Händen innerhalb von zwölf  Wochen in einer Klinik – ist das Zufall, oder steckt mehr dahinter?

Albring: Das wissen wir nicht. Fehlbildungen der Hände oder Füße sind sehr selten, sie treten mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa  1:10 000 auf. Dass innerhalb weniger Wochen drei solcher Fälle auftreten, scheint zunächst zwar ungewöhnlich. Aber es gibt in Deutschland kein Fehlbildungs-Register, und deshalb erlauben diese Meldungen zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt keine Einschätzung und Aussage.

Viele fühlen sich an den Contergan-Skandal in den 1960er Jahren erinnert, als es wegen eines Medikaments zu häufigen Fehlbildungen bei Neugeborenen kam…

Christian Albring, Frauenärzte-Verbandschef. Foto: Albrings/Manfred Wigger

Albring: Es wäre nicht seriös, hier zum jetzigen Zeitpunkt Vermutungen anzustellen. Aber es könnte eine Korrelation zu einem hohen Gewicht der Mutter geben. Wir müssen daher abwarten, bis die von den Gesundheitsministerien der Länder geplanten Abfragen abgeschlossen sind.

Sie haben es schon erwähnt: In Deutschland gibt es keine zentrale Stelle, bei der Fehlbildungen von Babys registriert werden. Es könnte also noch viel mehr Betroffene geben.

Albring: Ein bundesweites Register könnte nur funktionieren, wenn es eine Meldepflicht von Fehlbildungen gäbe. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat ein solches Register inzwischen gefordert. Inwieweit eine Meldepflicht für angeborene Veränderungen bei Neugeborenen sinnvoll und hilfreich wäre, oder ob eine solche Meldepflicht eventuell auch gegen die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen verstoßen würde, muss intensiv diskutiert werden.

Wie sollten besorgte angehende Eltern jetzt reagieren?

Albring: Es gibt keinen Grund, besorgt zu sein. Die häufigsten Fehlbildungen sind solche des Herzens; sie werden oft schon während der Schwangerschaft im Ultraschall entdeckt und können in aller Regel sehr gut behandelt werden. Fehlbildungen der Hände oder Füße sind viel seltener. Sie könnten bei guter Sicht und schlanken Patienten eventuell bereits während der Schwangerschaft im Ultraschall festgestellt werden. Aber diese Diagnostik ist in den gesetzlich vorgesehenen drei Ultraschalluntersuchungen nicht eingeschlossen, da diese Fehlbildungen auch nicht lebensbedrohlich sind. Die Untersuchungen der Hände und Füße werden nur bei der Ultraschall-Feindiagnostik eingeschlossen, aber auch da kann es durch eine ungünstige Lage des Kindes passieren, dass etwas übersehen wird.

Können die Fehlbildungen behandelt werden?

Albring: Solche Fehlbildungen können heute medizinisch hervorragend versorgt werden. Eltern, bei deren Babys solche Veränderungen eventuell schon während der Schwangerschaft oder auch nach der Geburt festgestellt werden, werden intensiv medizinisch und psychologisch betreut und gegebenenfalls mit Selbsthilfegruppen in Kontakt gebracht. In jedem Jahr kommen über 10 000 Babys mit erheblichen, angeborenen und bleibenden Schädigungen auf die Welt, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken haben. Tausende Babys werden zu früh und mit Entwicklungsstörungen geboren, weil ihre Mütter in der Schwangerschaft geraucht haben. Diese Zahlen und diese vermeidbaren Schicksale machen uns sehr viel mehr Sorgen.

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