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Die zähe Suche nach Fachkräften​

Arbeit : Die zähe Suche nach Fachkräften

Mehr Zuwanderung, höherer Renteneintritt, mehr Ausbildungen: Zunehmend verzweifelt sucht die Politik nach Rezepten gegen den Fachkräftemangel.

. Wer seine Heizung austauschen lassen möchte, einen Kitaplatz für sein Kind benötigt oder eine pflegerische Betreuung für einen Angehörigen sucht, blickt vielerorts in volle Auftragsbücher, in ellenlange Wartelisten und in die Gesichter überarbeiteter Beschäftigter. Das belastet nicht nur potenzielle Kunden und die Angestellten, sondern die Wirtschaft insgesamt.

Laut einer Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) fehlten zwischen Juli 2021 und Juli 2022 bereits 537 923 qualifizierte Arbeitskräfte. Dem IW zufolge ist der Personalmangel bei der Sozialarbeit und der Kinderbetreuung am größten – dicht gefolgt von der Altenpflege und Bauelektrik. Die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) zählt sogar insgesamt 1,8 Millionen offene Stellen. „Der Arbeits- und Fachkräftemangel zieht sich längst quer durch alle Branchen“, sagte Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter vor einigen Wochen.

In manchen Branchen ist der Personalmangel so groß, dass viele Beschäftigte wegen der hohen Arbeitsbelastung ihren Job nicht langfristig ausüben wollen: Wie aus einer Umfrage der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten hervorgeht, kann sich ein Drittel der Befragten keine Zukunft im Gastgewerbe vorstellen. Besonders in der Gastronomie hat die Corona-Krise für eine Verschärfung des Personalmangels gesorgt, weil Beschäftigte die Branche verlassen haben und in andere gewechselt sind.

Doch der Hauptgrund für den Fachkräftemangel ist der demografische Wandel – und der wird in den nächsten Jahren immer stärker zum Problem werden, weil die Baby-Boomer-Generation in Rente geht. Bis 2035 verliert Deutschland sieben Millionen Arbeitskräfte, prognostiziert das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Das ist ein Siebtel des Arbeitsmarktes.

Immer weniger ­Auszubildende

„Wir stehen vor entscheidenden Weichenstellungen in der Fachkräfteentwicklung“, sagt der arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Martin Rosemann. „Wir müssen aus eigenem Interesse das gesamte Fachkräftepotenzial im Inland ausschöpfen und Fachkräfte aus dem Ausland anwerben.“ Die Ampel hat die Lösung des Fachkräftemangels als eines ihrer zentralen Projekte definiert und eine 36-seitige Fachkräftestrategie verfasst. So will die Regierung die Ausbildung stärken. Dafür soll die Berufsorientierung frühzeitig und umfassend für alle Schülerinnen und Schüler ermöglicht werden. Das könnte dem Einzelhandel helfen, wo immer weniger neue Ausbildungsverträge abgeschlossen werden.

Seit Jahren sinkt die Zahl junger Menschen, die eine Ausbildung machen: Während noch 2011 etwa 561 000 Ausbildungsverträge geschlossen wurden, waren es 2021 nur rund 466  000, wie aus Daten des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. Hinzu kommt, dass die Abbruchquote bei Ausbildungen Studien zufolge zuletzt bei etwa 25 Prozent lag, in Universitäten sogar bei 35 Prozent.

Ein noch wirksamerer Hebel ist nach Ansicht von Ökonomen die Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Frauen und Müttern. „Politik, Unternehmen und Gesellschaft sollten ihnen dringend die vielen Hürden aus dem Weg räumen, die einer stärkeren und erfolgreicheren Erwerbstätigkeit im Weg stehen“, mahnte DIW-Ökonom Marcel Fratzscher jüngst bei einer Veranstaltung mit dem Familienministerium.

Die Bundesregierung geht von mehr als 800  000 Frauen mit Kindern unter sechs Jahren aus, die ihre Arbeitszeit unter den richtigen Umständen erhöhen würden. Sie will Länder und Kommunen deshalb dabei unterstützen, mehr Kitaplätze zu schaffen. Fratzscher sieht aber nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Hindernis, sondern auch das steuerliche Ehegattensplitting, von dem insbesondere Paare mit großen Gehaltsunterschieden profitieren.

Ein weiteres Ziel der Ampel ist, d

ss die Beschäftigten länger arbeiten. Kanzler Olaf Scholz (SPD) beklagte jüngst, dass zu viele Menschen bereits mit 63 in Rente gehen statt mit 67. Der frühere Renteneintritt kommt für Menschen in Frage, die besonders lange in die Rentenversicherung eingezahlt haben. Die Äußerung von Scholz sorgte insbesondere in der SPD für Wirbel, die die Rente mit 63 in der großen Koalition 2014 durchgesetzt hatte. Es dauerte nicht lange, bis sich Parteikollege und Arbeitsminister Hubertus Heil zu Wort meldete und erklärte, dass es mit ihm keine Anhebung des Renteneintrittsalters geben wird.

Vorbild Schweden

Der spätere Renteneintritt ist bei Wahlen kein Gewinnerthema, viele würden es im politischen Berlin am liebsten umschiffen. Doch nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung gehen immer mehr Menschen in Deutschland früh in Rente. Aus Sicht von Arbeitsmarktexperten ist das ein Problem. Dem Arbeitskräftemangel könne man zu einem gewissen Teil entgegentreten, wenn noch mehr ältere Menschen über 55 Jahre länger arbeiten wollten und könnten, sagte Daniel Terzenbach, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. Als Beispiel nannte er Schweden, wo die Erwerbsbeteiligung älterer Menschen über 55 Jahren bei 76,9 Prozent liegt. „Wenn Deutschland sich dem annähert, würden dem Arbeitsmarkt 300  000 bis 600  000 zusätzliche Fachkräfte erhalten bleiben“, betonte er.

Die Bedingungen müssten so gestaltet werden, dass die Beschäftigten psychisch und physisch gesund bis zum Renteneintritt arbeiten könnten, mahnt Terzenbach. Digitalisierung und Automatisierung seien eine Chance. „Es gibt Tätigkeiten, die künftig durch Maschinen und Software übernommen werden können, etwa im Fertigungs- und Helferbereich.“

Die Fachkräfteeinwanderung ist aus Sicht von Experten eine zentrale Stellschraube. „Wir brauchen eine jährliche Zuwanderung von 400  000 Menschen, darunter wären 260 000 Arbeitskräfte plus ihre Familien“, beziffert Terzenbach den Bedarf. Jüngst stellte die Ampel die Novellierung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes vor, durch das die Koalition die Verwaltungsverfahren und die Anerkennung von Berufsabschlüssen vereinfachen möchte.

Als Kern ihrer Reform sieht die Bundesregierung die Einführung einer Chancenkarte auf Basis eines Punktesystems. Dabei hat sich die Ampel vom kanadischen Modell inspirieren lassen. Von dem Punktesystem sollen Menschen profitieren, die noch keinen Job in Deutschland haben. Unter anderem könnten Qualifikation, Sprachkenntnisse, Berufserfahrung und Deutschlandbezug als Auswahlkriterien herangezogen werden. „Wir werden jährlich festlegen, wie viele Menschen mit der Chancenkarte einwandern können“, erklärt Sozialdemokrat Rosemann.

Das Konzept wird von der Wirtschaft grundsätzlich begrüßt, doch es gibt bereits Sorgen vor überbordender Bürokratie und Zweifel, ob ein solches Punktesystem überhaupt in Deutschland funktionieren kann. Die Chancenkarte setze voraus, dass Deutschland aus einem Pool von ausländischen Fachkräften frei wählen könne, sagt CDU-Sozialpolitikerin Ottilie Klein – eine fragwürdige Annahme. „Wir stehen in Konkurrenz mit anderen Staaten um die klügsten Köpfe der Welt“, betont Klein dagegen, „und an dieser Realität muss sich die Politik orientieren.“ Die Ampel solle die wahren Hürden der Fachkräftezuwanderung angehen – und zum Bespiel mehr Personal in den Ausländerbehörden einsetzen sowie schnellere Visa- und Anerkennungsverfahren ermöglichen.