Christian Lindner gibt die AfD-Wähler nicht verloren

Analyse : Wie Christian Lindner AfD-Wähler erreichen will

Der FDP-Chef wirft sich für den AfD-Anhang in die Bresche – und erntet die Kritik, selbst auf Rechtskurs zu sein.

Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner ist auf Heimatbesuch in Düsseldorf. Gerade hat er der Landtagsfraktion seiner Partei die Berliner Lage erläutert. Jetzt steht er vor der Presse und kommentiert die Einigung im Koalitionsausschuss.

Der Freidemokrat liefert wie gewohnt ein pointiertes Zitat: „Die große Koalition ist eine Autoimmunerkrankung, weil sie nur gegen sich selbst arbeitet.“ Er kritisiert: „CDU/CSU und SPD haben den großen Mangel einer nicht systematisch gesteuerten Einwanderungspolitik nach Deutschland nicht im Ansatz gelöst.“ Und er hält der Groko vor, die Abstimmung über die Maghreb-Staaten als sichere Herkunftsländer mit Rücksicht auf die Grünen hinauszuzögern bis nach der Hessen-Wahl. „Wie viele Bälle will man der AfD noch zuspielen, dass die etablierten Parteien nicht in der Lage sind, Probleme zu lösen?“

Zu viele Bälle, findet jedenfalls Lindner. Natürlich kennt er die Umfragewerte. Sie liegen bei der AfD im Bund derzeit doppelt so hoch wie bei der FDP. Ein Wählerpotenzial, das er nicht verloren geben will. Am Wochenende hat er wieder in der „Welt am Sonntag“ davor gewarnt, die AfD-Wähler herabzuwürdigen. Unter ihnen gebe es viele, die noch nicht radikalisiert seien.

Nicht das erste Mal, dass sich Lindner beinahe schützend vor den AfD-Anhang stellt. Schon vor zwei Jahren sprach er davon, einen Keil zwischen die AfD-Wählerschaft und die Partei treiben zu wollen. Im März 2016 sagte er dieser Zeitung: „Man muss über die AfD sprechen, ohne die Wähler zu beschimpfen. Ich glaube nicht, dass deren Wähler alle völkisch denken und Rassismus verharmlosen.“

Der unkartierte Raum rechts von der CDU

Bei dem Versuch, einen Ton zu treffen, der diese Wähler noch erreicht, gerät Lindner aber immer wieder selbst in die Kritik, auf Rechtskurs zu sein. Die „Zeit“ hat im vergangenen Jahr von dem unkartierten Raum gesprochen, „den die Union unter Merkel rechts von sich selbst frei gelassen hat und auch in Zukunft frei lassen wird, der aber von einer AfD mit ihren Ressentiments und Nazi-Problemen niemals erobert werden kann“. Der Politstratege Lindner hat diesen Raum längst als Freifläche erkannt und sucht sich dort zu positionieren, ohne dabei so tumb aufzutreten wie die CSU – Ausrutscher inklusive. Als er im Mai beim FDP-Parteitag über Unsicherheiten in der Warteschlange beim Bäcker fabulierte, wenn vorne in gebrochenem Deutsch ein Brötchen bestellt werde, brachen Häme und Rassismus-Vorwürfe über ihm ein. Lindner sprach später von „einem bewussten Missverständnis“. Auch nach dem „Welt“-Interview lieferte sich Lindner ein Twitter-Duell mit der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD), die ihm „Kuscheln mit der AfD und ihren Wählern“ vorhielt. Sein Konter: „Reflexhaftigkeit und Oberflächlichkeit sind ein wachsendes Problem.“

In Düsseldorf lässt er jedenfalls keinen Zweifel daran, dass er seine Haltung zu den AfD-Wählern nicht auf die Partei selbst übertragen wissen will. „Die AfD ist eine völkisch-autoritäre und deshalb gefährliche Partei. Sie hängt der Fiktion an, dass unsere vielfältige Gesellschaft ethnisch, kulturell und religiös homogen ist.“ Aber unter ihren Wählern sei auch viel Protestpotenzial. Das zeige sich schon daran, wie viele Sozialdemokraten in die AfD gewechselt seien. Deshalb warne er davor, die AfD-Wähler pauschal zu denunzieren, „sondern Probleme zu lösen und gleichzeitig zu enttarnen, dass die AfD gar kein Interesse an Problemlösungen hat“.

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