Interview Cem Özdemir in Quarantäne: „Ich bin jetzt auch Hauslehrer“

Berlin · Der Grünen-Politiker Cem Özdemir hat Coronavirus - und ist mit Familie in Quarantäne. Ein Gespräch mit ihm über diszipliniertes Leben, Populisten in Krisenzeiten – und über Heißhunger auf Börek.

 Grünen-Politiker Cem Özdemir wurde positiv auf das Coronavirus getestet.

Grünen-Politiker Cem Özdemir wurde positiv auf das Coronavirus getestet.

Foto: dpa/Marijan Murat

Der frühere Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, hat das Coronavirus. Er lebt seit knapp einer Woche mit seiner Familie in Quarantäne. Ein Gespräch mit ihm über diszipliniertes Leben, Populisten in Krisenzeiten – und über Heißhunger auf Börek.

Herr Özdemir, wie geht es Ihnen im Moment?

Cem Özdemir: Gut soweit, es hat mich zum Glück nicht doll erwischt. Ich habe meine Ansteckung öffentlich gemacht, um zu zeigen, dass der Virus jeden treffen kann. Wir alle müssen das wirklich ernst nehmen und zu Hause bleiben.

Waren Sie geschockt, als die Diagnose kam?

Özdemir: Auch wenn man darauf wirklich verzichten kann, überrascht war ich nicht wirklich, weil ich jemanden getroffen hatte, der nachher positiv getestet worden ist. Nur deswegen habe ich auch einen Test bekommen. Es war toll zu sehen, wie viele Menschen sich sofort mit aufmunternden Worten und Genesungswünschen bei mir gemeldet haben.

Ihre ganze Familie steht unter Quarantäne – wie vertreiben Sie sich die Zeit?

Özdemir: Ich versuche, diszipliniert zu bleiben. Also stehe ich früh auf, rasiere mich wie gewohnt und bringe den Tag möglichst strukturiert über die Bühne. Ich habe zwei Kinder, denen ich vorleben möchte, dass man nicht verlottert. Wir gucken Filme, lesen Bücher, ich bin leidenschaftlicher Zeitungsleser. Aber ich achte auch darauf, dass meine Kinder jeden Tag Aufgaben für die Schule machen.

Es gab regierungsnahe türkische Medien, die Ihre Erkrankung gefeiert haben. Schmerzt Sie das?

Özdemir: Das erinnert an die Kanzlerin und an das, was mancher Zeitgenosse abgesondert hat, als Frau Merkel in Quarantäne gegangen ist. Für mich ist klar: Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen.

Wie meinen Sie das?

Özdemir: Es gibt viele Menschen, die immer noch jeden Tag für uns alle zur Arbeit gehen. Die packen an. Und dann gibt es andere, die auch in so einer Lage weiter Hass säen und hetzen. Das sind in meinem Fall türkische Nationalisten, aber auch deutsche Nationalisten von der AfD. Ich hoffe sehr, dass die Bürger sich das merken und der nächste Wahltag zum Zahltag wird.

Kann die Krise das Vertrauen in die Demokratie wieder stärken?

Özdemir: Daran glaube ich. Die Bundesregierung und die Landesregierungen zeigen derzeit, dass unser Land schnell handlungsfähig ist. Sicherlich gibt es keinen Stein der Weisen, keine ultimative Maßnahme, die alles richtet. Und wir müssen auch nachsteuern und nachbessern im Lichte der Entwicklung. Aber alle sind sehr bemüht, die Infektionskurve flachzuhalten und diese Krise schnell zu überstehen. Jetzt zeigt sich eben der Unterschied zu den Ländern, in denen Populisten oder Fanatiker das Sagen haben. Da wird ignoriert, verkannt, beschwichtigt, falsch gehandelt.

Wie bewerten Sie das Vorgehen der Bundesländer, das nicht gänzlich einheitlich ist?

Özdemir: Der Föderalismus muss sich jetzt in besonderer Weise bewähren. Da sind Tempo und enge Abstimmungen gefragt. Das ist im Großen und Ganzen gelungen. Und ich finde es besonders klasse, wenn Länder wie das Saarland, Baden-Württemberg und jetzt Sachsen sich auch um Schwerstkranke aus ihren Nachbarländern kümmern.

Wenn Sie alles überstanden haben, was machen Sie dann zuerst?

Özdemir: Ich werde mich wieder auf mein Rad setzen und zur Arbeit fahren. Doch bei allen Herausforderungen zeigt die Krise auch, wie toll Nachbarschaft in unserem Land funktioniert. Ich hatte vor ein paar Tagen zum Beispiel Heißhunger auf Börek, das ist eine türkische Blätterteigspeise, die ich unglaublich mag. Und was stand plötzlich vor meiner Tür? Ein Teller mit Börek von unserer Nachbarin unten. Das werden wir uns hoffentlich nach Corona erhalten.

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