Berlin: Warum Olaf Scholz nun doch SPD-Vorsitzender werden will

Tief in seinem Magen : Warum Olaf Scholz nun doch SPD-Vorsitzender werden will – der Minister erklärt sich

Der Mann, der erst aus zeitlichen Gründen nicht wollte, und sich jetzt doch um den SPD-Vorsitz bewirbt, scheint mit sich und seinem Sinneswandel im Reinen zu sein.

Olaf Scholz gab sich am Sonntag leger. Keine Krawatte, den Kragen seines weißen Hemdes weit geöffnet und möglichst viel lächelnd saß der Finanzminister und Vizekanzler beim Tag der offenen Tür in der Bundespressekonferenz. Von Anspannung keine Spur. Der Mann, der erst aus zeitlichen Gründen nicht wollte, und sich jetzt doch um den SPD-Vorsitz bewirbt, scheint mit sich und seinem Sinneswandel im Reinen zu sein.

Scholz stand die letzten Wochen am Spielfeldrand, um genau zu beobachten, wer seinen Hut in den Ring werfen würde - und wer nicht. „Viele von denen, die ich gerne an der Spitze gesehen hätte, kandidieren nicht. Das kann ich nicht ignorieren“, begründete er am Wochenende seine Kehrtwende. Gemeint waren potentielle Kandidaten wie der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, der lange grübelte und am Ende sich gegen eine Kandidatur entschied. Oder Familienministerin Franziska Giffey. Sie nahm sich wegen der Plagiatsvorwürfe hinsichtlich ihrer Doktorarbeit selbst aus dem Rennen. Schließlich winkte dem Vernehmen nach auch noch Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Manuela Schwesig endgültig ab.

In enger Abstimmung mit Außenminister Heiko Maas und Arbeitsminister Hubertus Heil soll sich Scholz dann zur Kandidatur entschlossen haben, nachdem auch noch Parteivize Ralf Stegner und die 76-Jährige Gesine Schwan als Tandem antraten. Dafür wurden die beiden mit viel Häme und Spott übergossen - und die ganze SPD für ihr Verfahren gleich mit. Er habe die Lage neu bewerten müssen, so Scholz. Es sei der Eindruck entstanden, dass sich niemand aus der Führung traue. Das stimmt. Also stieg er ins Spiel mit ein.

Damit begibt sich der Minister nun in eine Auseinandersetzung, von der er nicht sicher sein kann, dass er sie auch gewinnt. Scholz steht für die GroKo, er ist in der Partei nicht sehr beliebt, seine Art ist spröde. Das sind viele Nachteile auf einmal. Verliert er, könnte seine politische Karriere beendet sein. In der Bundespressekonferenz reagierte Scholz freilich schlagfertig auf Fragen von Bürgern. Er wolle Parteivorsitzender und damit wohl auch Kanzler werden, meinte einer. „Würde es einen Unterschied machen, wenn Sie Bundeskanzler sind? Oder ist es einfach nur anstatt 17 Jahre Angela Merkel 17 Jahre Olaf Scholz?“, witzelte der Fragesteller. Das sei ganz schön lang, erwiderte der SPD-Mann grinsend, „ich bin schon 61, dann können Sie ja mal zählen“. Seine Motivation sei die miese Lage der SPD, erklärte der frühere Hamburger Bürgermeister. Er spüre „tief in meinem Magen“, was da gegenwärtig mit seiner Partei los sei. „Ich möchte alles dazu beitragen, dass sich das ändert.“ Kanzlerkandidatur womöglich inklusive.

Scholz selbst ist von sich überzeugt. Er habe ein hohes Ansehen in der Bevölkerung, ließ er wissen, das zeige sich in den Meinungsumfragen. Und Zeit habe er trotz des Jobs des Finanzministers nun doch: „Aus meiner Sicht würde ich das nicht machen, wenn ich nicht eine Vorstellung hätte, dass ich es auch hinkriegen kann“, betonte er. Entscheiden werden aber die rund 430.000 SPD-Mitglieder. Scholz will sich die Ochsentour durch 22 Städte, in denen sich die Kandidaten von September bis Mitte Oktober der Basis präsentieren werden, auch antun. Noch fehlt ihm allerdings eine weibliche Mitstreiterin. In Berlin kursierte der Name der rheinland-pfälzischen Finanzministerin Doris Ahnen und der der ehemaligen Justizminister Katarina Barley, die jetzt im Europaparlament sitzt. „Sie können sicher sein, dass sich das alles auf einem guten Weg befindet“, meinte Scholz.

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