Analyse: Wenn Kinder Schutz vor den Eltern brauchen

Analyse: Wenn Kinder Schutz vor den Eltern brauchen

2012 nahmen die Behörden 40 200 Minderjährige aus Familien heraus — so viele wie nie zuvor.

Wiesbaden. Ein Säugling liegt zwischen Müll und Haustieren, ein ausgebüxter Vierjähriger spielt am Bahngleis, ein Grundschulkind zeigt Zeichen von Misshandlung, und ein verprügelter 15-Jähriger sucht Hilfe. In solchen Fällen nehmen die Jugendämter die Minderjährigen zu ihrem Schutz für kurze Zeit in Obhut. Rund 40 200 Jungen und Mädchen waren es im vergangenen Jahr, so viele wie nie zuvor, wie das Statistische Bundesamt gestern berichtete.

„Die aktuelle Statistik spiegelt auf drastische Weise wider, dass sich viele familiäre Strukturen unter einer Dauerbelastung befinden“, sagt der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (Awo), Wolfgang Stadler. Der seit Jahren kontinuierliche Anstieg weise nicht nur auf eine Überforderung der Eltern hin, sondern zeige auch, dass die Hilfestrukturen dringend verstärkt werden müssten.

Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut in München sagt: „Inobhutnahmen sind zwar manchmal unvermeidbar, aber auch eine Notmaßnahme, die das Potenzial hat, die Kinder erheblich zu belasten und die Familienbeziehungen weiter zu zerrütten.“ Der erneute Anstieg sei keine gute Nachricht für den Kinderschutz in Deutschland. Zumal auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen zunehme, die wegen akuter Gefährdung in Obhut genommen würden. „Wir müssen in unserem Bemühen, den Familien möglichst frühzeitige Hilfen anzubieten und in Krisensituationen kurzfristige Hilfen verfügbar zu haben, weiterkommen.“

Gewalt ist nach Einschätzung von Harald Grebe vom Offenbacher Jugendamt der Hauptgrund für Inobhutnahmen von Minderjährigen, gefolgt von Verwahrlosung. Alkohol, Drogen und psychische Beeinträchtigungen wie Depressionen steckten oft hinter der Verwahrlosung der Familien. Diese könne so weit gehen, dass Kleinkinder vor dem Verdursten und Verhungern gerettet werden müssten. „Solche Eltern sind oft nicht in der Lage, einen geregelten Tagesablauf für sich selbst herzustellen.“

Manche Eltern glaubten, dass Gewalt gegen Kinder zulässig sei, sagt Grebe. Viele von ihnen seien früher selbst geschlagen worden und behaupteten, dass ihnen das nicht geschadet habe. Gewalt gegen Kinder werde in der Wissenschaft aber eindeutig als schädlich eingestuft. Besonders schwierig sei es mit Eltern, die zur Gewalt neigten, dies aber nicht als Problem sähen.

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