Analyse: Analyse: So gefährlich ist die AfD wirklich

Analyse: Analyse: So gefährlich ist die AfD wirklich

Die AfD ist nicht harmlos, aber auch keine Nazi-Partei, meint unser Berliner Korrespondent Werner Kolhoff. Ein persönlicher Eindruck.

Berlin. Man muss mit Integrationsministerin Aydan Özoguz (SPD) nicht übereinstimmen. Dass eine spezifische deutsche Kultur jenseits der gemeinsamen Sprache angesichts der Vielfalt der Regionen „schlichtweg nicht zu erkennen“ sei, finde ich falsch. Ich sehe da viele Gemeinsamkeiten. Auf die meisten darf man auch dann stolz sein, wenn man nicht rechts ist: auf die große Akzeptanz für das Grundgesetz, die Bereitschaft zur aktiven Aufarbeitung der NS-Zeit, das verbreitete Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit, und nicht zuletzt auf die sehr selbstverständliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern.

Mit jener Leitkultur, die AfDSpitzenkandidat Alexander Gauland meinte, als er bei einer Kundgebung in Thüringen im August über Özoguz sagte: „Ladet sie mal hier ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist“, hat das freilich nichts zu tun. Deutschland ist viel weiter als das Publikum, das lachte, als Gauland so tat, als könne er den Namen der Staatsministerin nicht aussprechen.

Das ist nicht das Niveau Deutschlands. Das ist nicht die Leitkultur eines Landes, das de Maizières, Özils, Di Fabios, M’Bareks hat, das eine der angesehensten Kultur- und Handelsnationen der Welt ist. Es ist übrigens auch nicht das Niveau des Eichsfeldes. Als Özoguz die Region im November besuchte, erlebte sie viele engagierte Bürger, die ihr sehr freundlich begegneten. Nur vier AfDler protestierten gegen sie. „Lieber Eichsfelder-Kultur als Kultur vom Bosporus“, stand auf ihrem Schild.

Viele Menschen wissen nicht, dass Özoguz in Hamburg geboren ist, so wie Angela Merkel und Helmut Schmidt und Hamburger Dialekt spricht. Sie war bis Anfang dieses Jahres mit dem katholischen Hamburger Innensenator Michael Neumann verheiratet. Wenn Gauland sagt, man solle diese Frau „nach Anatolien entsorgen“, wirft er sie zurück auf das Herkunftsland ihrer Eltern. Özoguz ist für ihn qua Herkunft und islamischer Religionszugehörigkeit keine Deutsche und kann es auch niemals werden. Das ist rassistisch. Gauland würde sicher auch (den in Berlin geborenen) Jérôme Boateng nach Afrika entsorgen. Aber auch Helene Fischer nach Russland und Lukas Podolski nach Polen? Wo endet das?

Ich war in diesem Jahr auch bei den AfD-Parteitagen in Köln und Hannover. Draußen viele Demonstranten, harte Nazivergleiche. Ich finde das übertrieben. Das sind keine Nazis. Wenn man mit den Delegierten redet, lernt man sehr unterschiedliche Leute kennen. Es gibt besserwisserische Professoren, die den Euro abschaffen wollen, und Menschen, die mit der Flüchtlingspolitik nicht einverstanden sind. Es gibt Islamkritiker, es gibt Kirchengegner und Gegner der TV-Gebühr. Es gibt auch Lesben und Schwule. Einer von ihnen, ein Landtagsabgeordneter, sagte mir, er habe sich mal eine Pegida- Demo angesehen — aus der Ferne. Er wolle mit diesen Leuten nichts zu tun haben. Es sind seine Wähler.

Die Parteitage ähneln denen von anderen Parteien. Alles ganz normal. Eins habe ich aber vorher noch nie erlebt: Hass gegen den gesamten Rest des politischen Spektrums. Vom Rednerpult in Köln sagte Spitzenkandidatin Alice Weidel: „Schluss mit der politischen Korrektheit“. Und auf dem Pissoir hörte ich einen AfD-ler zu einem anderen sagen: „Man muss diesem ganzen rot-grünen Gesockse da draußen mal vor die Schnauze hauen“.

Seit ihren Anfängen hat sich die AfD sehr verändert. Sie ist nicht harmlos. Sie lässt nach rechts einen großen Spielraum. Ganz bewusst geschieht das — und von ganz oben.

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