Ich heiße Fatima. Der Weg durchs Leben mit einem ungewöhnlichen Namen

Düsseldorf : Ich heiße Fatima

Wie es ist, als Deutsche ohne muslimischen Hintergrund mit dem Vornamen Fatima durchs Leben zu gehen. Ein Erfahrungsbericht.

Ich heiße Fatima und ich bin Deutsche. Sechs Buchstaben, die zwar gut über deutsche Zungen gehen, allerdings keine deutsche Herkunft assoziieren. Fatima ist nicht nur irgendein Name. Gepaart mit meiner Herkunft ist er Eisbrecher und Fun-Faktor, Last und Irritationsgarant.

Im Dezember 1988, die DDR lag in ihren letzten Atemzügen, kam ich zur Welt. „Hätte ich gewusst, dass wir mal in‘ Westen ziehen, dann hätten wir dich auch anders genannt“, bedauert mein Vater die Namenswahl. Die Problematik von heute habe damals niemand erahnen können. „Wir kannten ja gar keine Ausländer.“ Gemeint sind Ausländer aus der islamischen Welt. Mit Thomas trägt er den beliebtesten Namen seines Jahrgangs. Die Tochter sollte einzigartig sein. Deshalb wurde das deutsche Baby in Eisenhüttenstadt nach der Beduinenprinzessin aus einem Mosaik (dem DDR-Comic) der 70er Jahre benannt.

In der Schule

Während meiner Schulzeit in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg kann ich mich nicht daran erinnern, wegen meines Namens außerordentlich oft angesprochen worden zu sein. Klar war ich zwischen den Nancys und Fannys, den Cindys und Stefanies einmalig. Aber das war ein Stanley auch. Im Eggesiner Plattenbau hießen Nachbarskinder Mounique, Maik und Peggy. Für mich waren das ganz normale Namen. Und ich hieß eben Fatima; als einzige auf der Schule, wahrscheinlich in der ganzen Stadt. In welchem Kulturraum mein Name eigentlich verwurzelt ist, wurde mir maximal dadurch bewusst, dass es ihn als Faschingskostüm gab. Fatima war eine pink oder blau glitzernde Bauchtänzerin mit Schleier vor dem Gesicht.

Mein Bruder ist nach Patrick Swayze benannt. Mit ä und deutschem r in der Aussprache. Patrick, so hieß auch der Sohn einer Lehrerin. Namen der Unterschicht waren das nicht. „Englische Namen waren in den 80er Jahren etwas Besonderes“, sagt die Namensforscherin Gabriele Rodriguez von der Namensberatungsstelle der Universität Leipzig. „Englisch zu lernen war ein Privileg in der DDR, deshalb wählten gebildete Eltern englische Namen für ihre Kinder.“ Heutzutage ist es fast komplett umgekehrt. Bildungsferne Schichten orientieren sich stark an den Medien, in denen englische Namen eine große Rolle spielen.

Foto: Fatima Krumm

Ende der 90er besuchten wir im Urlaub in Österreich eine Fatima-Kapelle. In dem portugiesischen Wallfahrtsort Fatima der römisch-katholischen Kirche soll 1917 die Gottesmutter erschienen sein. Mit einem Foto von mir vor der Kapelle landete ich in der Lokalzeitung. Da wusste ich, dass mein Name besonders ist. Rodriguez glaubt jedoch nicht, dass das Wunder von Fatima für die 37 Fatimas, die zwischen 1961 und 1988 in der DDR eingetragen wurden, eine Rolle spielte. „In der Regel gab es einen familiären Bezug zum Namen, beispielsweise war der Vater Algerier.“

Die Konfrontation mit dem Ursprung meines Namens, der Kulturschock, kam mit meinem Umzug nach Wolfsburg. Auf meiner neuen Schule hatten extrem viele Schüler einen Migrationshintergrund. So etwas kannte ich nur vom Schüleraustausch in einem Pariser Vorort, waren doch meine vorherigen vier Schulen ethnisch sehr homogen. Wenn man als Fatima plötzlich zwischen Mustafa und Mohammed, Hamza und Ramzia sitzt, ist das überaus merkwürdig. Nicht nur im ersten Jahr fühlte ich mich dort fehl am Platz. Zumal mir anfangs einige nicht glauben wollten, dass ich so heiße. Menschen erzählten mir, dass sie ihren Eltern von mir berichteten, und ich berichtete meinem Vater davon.

Im Berufsleben

Ganz gleich in welchem Job: Mein Name beschert mir immer wieder kuriose Begegnungen, ganz gleich in welchem Job. An meinem ersten Praktikumstag in einer Zeitungsredaktion begrüßte mich eine Redakteurin mit: „Hallo Fatima. Ich mache gerade einen Arabischkurs an der Volkshochschule, kannst du mir bei den Hausaufgaben helfen?“ Als ich nebenbei im Casino als Poker- und Black-Jack-Dealer jobbte, war nicht nur die „Hand Fatimas“ als Glücksbringer ein Thema, sondern natürlich auch mein Namensschild. Bei manchen Gästen mit diversem kulturellen Hintergrund empfahl mir mein Chef es abzunehmen. Wenn jemand ungläubig meinte, ich heiße doch nicht wirklich so, war meine Antwort: „Natürlich nicht, seh‘ ich so aus...?“ Ja, ich muss Klischeegedanken bedienen, um vor selbigen verschont zu werden.

Während meiner Zeit als Vertretungslehrerin stellte ich mich einer Kollegin vor. Später auf dem Flur entschuldigte sie sich für den Blick, mit dem sie meinen Namen quittiert hatte. Es war der unverkennbare Du-bist-doch-nicht-Fatima-Blick, wie ich ihn gewohnt bin. „Ich hatte den Namen nicht erwartet“, sagte sie. Die Peinlichkeit schnell weglächeln kann ich.

Im Zuge einer journalistischen Recherche antwortete mir ein Pressesprecher, mit dem ich über eine mir unklare Verkehrssituation sprach, mit „Da wo Sie herkommen, fahren die ja ganz anders.“ Und auf einem Pressetermin fragte ein Gesprächspartner nach, ob das wirklich meine Visitenkarte sei.

Leute kennenlernen

Auf Partys und anderen Festivitäten Leute kennenzulernen lief meistens nach folgendem Muster ab. „Hi,...., wie heißt du?“ Das ist der Moment, in dem ich entscheiden muss, ob das Gespräch wie üblich verlaufen soll oder ob ich das Thema Name gleich überspringen will. „Hi,.... Fatima.“ Die üblichen Reaktionen sind „Haha, nee sag mal, wie heißt du wirklich?“, wahlweise auch „Ja genau, und ich bin Ayse/beliebiger arabischer Name.“ Schön finde ich auch die Sätze „Zeig mal deinen Ausweis“ oder „Du siehst gar nicht so aus.“ Während ich darauf mit „Mein Kopftuch habe ich an der Garderobe abgegeben“ oder gar nicht reagiere, wird schon die Entourage informiert à la „Ey, guck mal, die heißt Fatima!“ Währenddessen kommen meine Freundinnen wiederum herbeigeeilt um „Doch, sie heißt wirklich so“ zu rufen. Es ist ja nicht so, dass ich nicht gern im Mittelpunkt stehe, aber das wird selbst mir zu viel. Deshalb nutze ich manchmal Variante zwei: Ich denke mir entweder einen Namen oder eine Herkunftsgeschichte aus. Menschen glauben Lügen lieber als die Wahrheit, die nicht ins Weltbild passt. Dank zunehmendem Alter und weniger Partys haben sich diese Situationen Gott sei dank reduziert.

Egal ob beim WG-Casting oder im Job: „Oh, wir haben jetzt jemand anderes erwartet/ Wir haben uns dich ganz anders vorgestellt. Wo kommst du her? Wo kommst du richtig her? Und deine Eltern?“ Fragen, die heutzutage als Alltagsrassismus gelten, höre ich erstaunlich oft. Sowohl von Deutschen als auch von Menschen mit Migrationshintergrund. Um schneller das Thema zu wechseln, legte ich mir spaßeshalber Visitenkarten mit Antworten auf all die Fragen zu. Titel der Karte: Fatima – think outside the box.

Wer bin ich?

Nicht immer war es einfach, diese Gespräche zu ertragen. Eine wahre Identitätskrise löste der Satz „Ich kenne eine richtige Fatima“ in mir aus. Bin ich dann die Fake-Fatima? Woher nehmen Menschen das Recht, zu urteilen, wer echt und wer unecht ist? Ich erkundigte mich danach, wie ich meinen Namen ändern lassen kann. Papas Segen hatte ich bereits, aber letztendlich fühlte es sich doch nicht richtig an. Ich bin Fatima. Und das soll auch so bleiben. Für eine Dame mit dem gleichen Problem fertigte Gabriele Rodriguez im Jahr 2008 ein Namensgutachten an. Sie schreibt, dass Fatima zu den beliebtesten Namen in der muslimischen Welt gehöre, in rein deutschen Familien aber nicht gebräuchlich sei. „Der Name Fatima hat sich bei deutschen Familien ohne muslimischen Hintergrund nicht durchgesetzt.“ Er würde wohl auch eine deutsche Namensträgerin stigmatisieren, d.h. als moslemisch oder arabisch charakterisieren. „Dies kann unter Umständen sogar zur Benachteiligung im deutschen Umfeld führen.“

So erging es mir bei der Wohnungssuche in Kiel. „Du brauchst deine Unterlagen gar nicht abgeben, wir nehmen keine Ausländer“, sagt mir der Makler, selbst nichtdeutscher Abstammung, ins Gesicht. „Die Verwaltung sieht dich ja nicht, nach irgendwas müssen die ja aussortieren.“ Ich frage, ob ich ein Foto beilegen soll. Er schüttelt den Kopf, mitleidig und amüsiert zugleich. Danke für die Ehrlichkeit. Auf Anfragen mit einem deutschen Namen bekam ich öfter eine Rückmeldung als auf meine echte Mailadresse. Auf die erhielt ich selten eine Absage, noch seltener einen Besichtigungstermin.

Im Alltag

Im Alltag sind es die Kleinigkeiten, die mich stets auf meine vermeintliche Exotik hinweisen. Im Schuhladen höre ich: „Das ist aber nicht Ihre EC-Karte, oder?“ Verkäuferinnen mit Stil fragen einfach nach dem Ausweis. Gebe ich in der Bibliothek Bücher ab, für die Mahngebühren fällig sind, fragt die Dame am Schalter: „Zahlen sie die Rechnung für sie auch gleich mit?“ Wer ist sie? Ach, die Dame denkt, ich sei nicht ich, sondern jemand anders. Auf der Bibliothekskarte ist übrigens ein Foto. In der Uni saß ich in einem Seminar neben einer Sarah, die einen dunkleren Teint hatte. Wie selbstverständlich wurde Sarah für Fatima gehalten und umgekehrt. Auf Facebook hatte ich nach 2015 meinen Namen auf Frieda geändert, da ich unzählige Anfragen von Menschen mit Profilbildern wie Je suis Mohammed bekam. Wahlweise Freundschaftsanfragen oder Heiratsanfragen. Non, je ne suis pas Mohammed.

Die Annehmlichkeiten

Ab und zu bringt mir mein Name auch Freude ein. Beispielsweise erinnern sich Menschen oft an mich. Ein ehemaliger Chef schickte mir Monate nach meinem Fortgang ein Foto mit einem Schiff namens Fatima. Hätte er das auch getan, wenn ich Sarah hieße? Und dann ist da noch die Sie-ist-eine-von-uns-Herzlichkeit. Als der iranische Fahrradhändler oder diverse Taxifahrer meinen Namen erfuhren, begegneten sie mir gleich offener. Weil die Mutti, Schwester oder Tochter so heißt. Selfiewunsch inklusive.

Hier in Düsseldorf lernte ich kürzlich eine Ingenieurin aus Mexiko kennen. Sie freute sich über meinen Namen, meinte, dass Fatima in ihrem Heimatland ein gängiger Name sei, wegen der Heiligenerscheinung. Und es gebe sogar Comics, die das Wunder von Fatima erklären würden. Mit einem Comic fing alles an.

Ich bin gespannt, wie sich die Wahrnehmung des Namens Fatima in den kommenden Jahrzehnten in Deutschland entwickeln wird. Bleibt Fatima eine Fremde? Oder wird Sie Teil des Landes? Wohlwollendes Desinteresse wäre mir persönlich am liebsten.

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