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Gladbecker Geiseldrama: Laschets späte Bitte um Vergebung

Gladbecker Geiseldrama: Laschets späte Bitte um Vergebung

Düsseldorf. „Wenn ich an ihrem Grab bin, spreche ich mit ihr. Beim Abschied sage ich: Tschüss, Silke, bis bald. Und wenn ich manchmal noch am Grab weine, dann nicht aus Trauer, sondern aus Dankbarkeit dafür, dass das Bild meiner Tochter für mich lebendig ist.“

Sätze, die Karin R. kürzlich in einem Interview mit dem „Stern“ sagte. Sie sprach von ihren Besuchen am Grab ihrer Tochter Silke Bischoff. Dem Grab im niedersächsischen Stuhr, an dem CDU-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Donnerstag einen Kranz niederlegen wird. Dem Grab der damals 18-jährigen jungen Frau, die beim Geiseldrama von Gladbeck von einem der beiden Täter ermordet wurde.

Auch 30 Jahre nach der Tat, die die Republik tagelang in Atem hielt, wird dies viel mehr als ein Fototermin sein. Schon im Vorfeld hat Armin Laschet einen größeren Schritt getan als es die stumme Geste einer Kranzniederlegung sein kann. Er entschuldigte sich für Fehler, die staatliche Institutionen damals gemacht haben. Im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sagte der Ministerpräsident: „Es ist die oberste Pflicht des Staates, seine Bürger zu schützen. Das ist ihm in Gladbeck und in den Stunden danach unter dramtischen Umständen nicht gelungen.“ Nordrhein Westfalen übernehme spät, vielleicht 30 Jahre zu spät, Verantwortung für das Gladbeck-Desaster. „Auch wir tragen die Bürde, dass durch diese Fehleinschätzungen des Staates Menschen ihre Leben verloren haben.“ Es sei Ausdruck der Stärke eines funktionierenden Staatswesens, dass auch Institutionen Selbstkritik üben.

Diese Selbstkritik konnte man bisher jedenfalls in NRW so nicht feststellen. Der Landtag hatte 1988 zwar einen Aussschuss zur Untersuchung des Geschehens und der Verantwortlichkeiten eingesetzt. Doch das Gremium kam 1988 in seinem von der damaligen SPD-Mehrheit getragenen Votum eher zu einer Reinwaschung staatlicher Stellen. Fehler insbesondere des damaligen Landesinnenministers Herbert Schnoor (SPD) in der von seinem Parteifreund Johannes Rau gelenkten Regierung wurden nicht gesehen.

Bemerkenswert: Schon 1988 kam die Kritik aus der damaligen Opposition von CDU und FDP, deren Nachfolger heute die Geschicke des Landes lenken. In einem 150-seitigen Sondervotum zum Ausschussbericht wurde dargelegt, dass auf Seiten der Polizei und des für diese zuständigen Innenministers sehr wohl Fehler gemacht worden seien.

Eben das betonte auch die Mutter von Silke Bischoff in besagtem „Stern“-Interview, in dem sie dem damaligen NRW-Innenminister vorwarf, sich nicht richtig um die Geiselnahme gekümmert zu haben. „Die Polizei hat ja nur zugeguckt, als die Gangster aus der Bank raus sind und aus Gladbeck weggefahren sind. Und später wurde auf der Autobahn ohne Rücksicht auf das Leben der Geiseln zugeschlagen. Dabei stand kurz hinter der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz eine Sondereinheit der GSG 9 bereit. Aber Schnoor war es wichtiger, die Geiselnahme in seinem Bundesland zu beenden. Man hätte das unblutig zu Ende bringen können.“

Während bei der politischen Aufarbeitung des Geschehens in NRW die Bewertung je nach parteipolitischer Perspektive unterschiedlich ausfiel, war dies in Bremen, neben NRW auch Schauplatz des Geiseldramas, anders. Im vergangenen Mai stellte die Bremer Bürgerschaft in einer parteiübergreifenden Resolution fest: Der Bremer Untersuchungsausschuss „Geiseldrama“ kam in seinem 460 Seiten langen Abschlussbericht zu einer vernichtenden Beurteilung des Einsatzes der Bremer Polizei und der leitenden Beamten rund um den damaligen Polizeiführer. Es habe zahlreiche organisatorische und individuelle Fehler einzelner Polizisten, erschreckende Führungsmängel, strukturelle Mängel im Stadt- und Polizeiamt sowie ein hohes Maß an Inkompetenz bei einzelnen Führungsbeamten gegeben.

Zu Recht kritisierten die Bremer Politiker auch andere Beteiligte, die vor 30 Jahren versagt hatten: die Medien. Das Gladbecker Geiseldrama stehe wie kein anderes Verbrechen für mediale Grenzüberschreitung. Die Tatsache, dass Reporter so stark in ein Kriminalgeschehen involviert waren und zum Teil Vermittlerfunktionen übernahmen, habe nicht nur Grenzen journalistischer Berichterstattung überschritten, sondern sei auch nur möglich gewesen, weil Einsatzleitung und Polizeiführung dies zuließen. Dies führte dazu, dass Journalisten am Ende nicht nur Zeugen des Verbrechens waren, sondern auch Instrumente der Geiselnehmer.

Doch die Medien haben daraus gelernt. Das grenzüberschreitende Verhalten der Presse wurde in einem neuen Pressekodex für eine verantwortungsvolle Berichterstattung aufgearbeitet. Danach soll die Presse unabhängig und authentisch berichten und sich dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen lassen. Vor allem soll die Presse keine eigenmächtigen Vermittlungsversuche zwischen Verbrechern und Polizei unternehmen oder gar Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens führen.