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Frau Sehrbrock, warum lassen sie den Eltern nicht die Wahl?

Frau Sehrbrock, warum lassen sie den Eltern nicht die Wahl?

Interview: Die DGB-Vize-Chefin Ingrid Sehrbrock (CDU) setzt sich für einen Krippen-Zwang und für die Ganztagsschul-Pflicht ein.

Frau Sehrbrock, DGB-Chef Michael Sommer ist SPD-Mitglied, Sie sind in der CDU. In gewisser Weise ist das ein Stück Große Koalition im DGB-Vorstand. Geht es bei Ihnen auch so rau zu?

Sehrbrock: Ich finde, wir haben eine ganz gute Form gefunden, wie wir über Parteigrenzen hinweg unsere gemeinsamen gewerkschaftlichen Positionen bestimmen. Sicher hat meine Wahl zur stellvertretenden DGB-Vorsitzenden das Verhältnis zu meiner Partei, der CDU, weiter verbessert. Hinzu kommt, dass man sich in der CDU die DGB-Positionen wie zum Mindestlohn offenbar lieber von einem Mitglied der eigenen Partei als von anderen erläutern lässt.

An der Spitze der CDU steht eine Frau. Wann gibt es denn endlich mal eine DGB-Vorsitzende?

Sehrbrock: Eine sympathische Vorstellung. Die Frage sollten sie den Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften stellen. Die sind schließlich die Königsmacher. Ich fände es gut, wenn eine Frau an der Spitze des DGB stünde.

Ihre Partei ist gegen eine Ausbildungsplatzabgabe, Sie sind dafür. Ihre Partei lehnt flächendeckende Mindestlöhne ab, Sie setzen sich dafür ein. Zerreißt es Sie da?

Sehrbrock: In der Politik braucht man einen langen Atem. Irgendwann treten Situationen ein, in denen Dinge, die man lange gefordert hat, umgesetzt werden. Beim Mindestlohn haben wir zumindest Bewegung, auch wenn es bis zu den 7,50 Euro Mindestlohn für alle noch ein weiter Weg ist. Beim Thema Ausbildungsplatzumlage ist es für mich unverständlich, warum das, was im Baubereich problemlos funktioniert, nicht überall gelten soll.

Die Koalition will ausbildungsbereiten Betrieben einen Bonus gewähren - etwa über verringerte Abgaben zur Arbeitslosenversicherung. Was stört Sie daran?

Sehrbrock: Richtig ist, dass ein solcher Bonus für mehr Gerechtigkeit sorgen könnte: Wer ausbildet, bekommt etwas zurück. Aber wir bleiben dabei: Die Umlage ist das bessere Modell.

Warum beharren Sie auf ein Modell, das bestraft, statt auf Belohnungen zu setzen? Das Bonus-System wäre ein guter Beitrag zur Senkung der Lohnnebenkosten.

Sehrbrock: Klar, aber wer zu wenig oder gar nicht ausbildet, würde nicht zur Kasse gebeten. Wir finden: Wer sich nicht engagiert, soll sich wenigstens finanziell beteiligen. Uns geht es nicht um Strafen. Es geht um Fairness.

Auf der Haben-Seite der Großen Koalition steht die Familienpolitik. Vor allem der geplante Ausbau der Krippen wird für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sorgen. Was aber folgt nach Krippe und Kindergarten?

Sehrbrock: Ich finde es sehr gut, dass der Bund vier Milliarden Euro für den Bau von Krippen für Kinder unter drei Jahren investieren will. Ich bedauere allerdings, dass das Gutscheinmodell wohl nicht kommen wird. Wichtig ist, dass das Thema Ganztagsschule nicht vergessen wird. Die Pisa-Ergebnisse zeigen klar, dass Kinder aus den unteren Schichten nicht die gleichen Bildungschancen haben wie Kinder aus den mittleren oder gehobenen Schichten. Insofern spricht alles für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen. Dort können alle Kinder optimal gefördert werden.

Krippe, Kindergarten, Ganztagsschule: Wer Kinder aus den unteren Schichten frühzeitig und lücklenlos fördert, sorgt für mehr Chancengleichheit. Doch was ist, wenn die Eltern eine solche Förderung nicht zulassen?

Sehrbrock: Ziel muss in der Tat sein, dass der Besuch von Krippen, Kindergärten und Ganztagsschulen verpflichtend wird. Aber man kommt nicht in einem Schritt dahin.

Sie wollen langfristig keine Wahlfreiheit für die Eltern?

Sehrbrock: Wenn man es ernst nimmt mit der Chancengleichheit, kann die Antwort nur lauten: Pflichtbesuche von der Krippe an.

Und das halten Sie für politisch durchsetzbar? Am Ende noch mit einer Kanzlerin, die sich das Mehr-Freiheit-Wagen auf die Fahnen geschrieben hat? Dafür bekommen Sie keine Mehrheit.

Sehrbrock: Ich sehe dafür derzeit keine politischen Mehrheiten. Wie gesagt: Man braucht einen langen Atem und muss dicke Bretter bohren. Manches lässt sich eben nur schrittweise realisieren.

Mit Ihrer Partei? Niemals!

Sehrbrock: Da bin ich nicht so skeptisch. Die Familienpolitik der CDU hat sich bereits stark gewandelt. Jetzt geht es um Überzeugungsarbeit. Dafür sind nicht zuletzt wir Gewerkschaften da.

Ob Finnland, Frankreich oder Großbritannien: Länder, die ihre Schüler zur Mittagszeit nicht vor die Tür setzen, schnitten bei der Pisa-Studie weit besser ab. Auf der britischen Insel ist die Schulpflicht bis 16 Uhr gängige Praxis. Nach dem gemeinsamen Mittagessen wird der Unterricht nachmittags mit Sport aufgelockert. Die Hausaufgaben erledigen die Schüler unter Aufsicht ihrer Lehrer. Warum soll das in Deutschland nicht gehen? Etwa weil wir uns das nicht leisten können?

Einfach weiterzumachen - das können wir uns nicht leisten. Von einem flächendeckenden Ganztagsschulangebot sind wir noch meilenweit entfernt. Und da, wo es ein solches Angebot gibt, wird es von finanzschwachen Eltern oft nicht angenommen. Gerade hier aber muss sich der Staat im Sinne der Kinder einmischen.

Laut einer US-Studie spart die Gesellschaft für jeden Euro, den sie in die Betreuung von Problemfamilien steckt, langfristig vier Euro ein. Krippen und Kindergärten als Angebot, Ganztagsschulen als Pflichtprogramm: Besser ginge es nicht.

Es bedarf keiner Frage, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten besser gefördert werden müssen. Ob eine Ganztagsschul-Pflicht dafür aber das heilbringende Instrument ist, darf doch bezweifelt werden. Weil die Pisa-Ergebnisse wie ein Damoklesschwert über unserem Schulsystem schweben, neigt die Politik gerne zu Schnellschüssen. Wo aber sind die wohldurchdachten pädagogischen Konzepte?

Es reicht nicht aus, unserem Schulsystem einfach einen finnischen oder schwedischen Anstrich zu verpassen. Dazu gehört ein wenig mehr als eine Schulpräsenz von 8 bis 16 Uhr. Wichtig sind kleine Klassen, eine gute Ausstattung sowie eine individuelle Förderung - für Problemschüler und Hochbegabte. Damit haben hiesige Schulen schon halbtags ihre liebe Not. Die Ganztagsschule ist meist eine "Aufbewahrungsstätte", ein Hort in der Schule und nicht ein Feld pädagogischer Erfahrungsmöglichkeiten. Bevor wir also über eine "Pflicht" reden, sollten wir erst einmal unsere Hausaufgaben machen.

Eine "echte" und noch dazu verpflichtende Ganztagsschule hat - realistisch betrachtet - so schnell auch keine Chance: Die Bundesländer sind nicht bereit, das dafür notwendige Geld in die Hand zu nehmen. Kinder aus sozial schwachen Familien müssen trotzdem nicht verloren gegeben werden. Wichtig ist eine Schulpolitik mit Augenmaß und Verstand, die sich nach dem Bedarf richtet und passgenaue Konzepte entwickelt. Und die den Eltern die Wahl lässt.