Frankreich: Der tiefe Fall des Nicolas Sarkozy

Frankreich: Der tiefe Fall des Nicolas Sarkozy

Der umtriebige Chef im Elysée-Palast ist so unbeliebt wie kein Präsident zuvor.

Paris. Aus dem zum Amtsantritt 2007 gefeierten "Super-Sarko" ist ein Hassobjekt geworden. Die "rupture", "der Bruch", den er dem Volk damals versprach, ist tatsächlich passiert. Nur nicht - wie angekündigt - in der Politik, sondern im Privatleben.

Noch nie hat ein französischer Präsident seine Privatsphäre derart offen zur Schau gestellt wie Nicolas Sarkozy: zuerst der Ehekrach mit Cécilia, seiner zweiten Frau, die sich von ihm trennt und wieder versöhnt, um sich dann, schon "Première Dame" im Präsidentenpalast, schließlich doch von ihm scheiden zu lassen.

Nun folgte die spektakuläre Blitzhochzeit mit dem singenden und Männer verschleißenden Ex-Mannequin Carla Bruni: Soviel Rummel um Macht und Sex im Elysée-Palast war noch nie.

Den Franzosen, tief im Innern - trotz revolutionärer Vergangenheit und viel "Laisser faire" - ein eher konservativer Menschenschlag, geht das Parvenühafte ihres Präsidenten, das "Bling-bling", schlichtweg auf die Nerven.

Sie sehnen sich nach einem Präsidenten, der Orientierung gibt und die Wirtschaft des Landes nach vorne bringt. Stattdessen erleben sie, wie ihr Staatsoberhaupt fortwährend in Fettnäpfchen tritt und sich in einem Gestrüpp von Affären verheddert.

So beschreibt ein Artikel der Pariser Satirezeitschrift "Le Canard Enchaîné" Unfassbares. Nämlich, dass Bernard Squarcini, der Chef des Inlandsgeheimdienstes, auf ausdrückliche Anweisung des Präsidenten systematisch jene Polit-Journalisten ausschnüffeln lasse, die ihm gefährlich werden könnten.

Noch nie in der französischen Republik genoss ein Staatsoberhaupt ein derart miserables Ansehen wie Nicolas Sarkozy. Denselben Sarkozy, den sie vor drei Jahren noch zum strahlenden Hausherrn des Elysée kürten, betrachtet die Mehrheit mittlerweile als Ursache allen Übels.

Mitunter nimmt die Anti-Sarko-Kampagne nahezu hysterische Züge an. So prangert die linke Zeitschrift "Marianne" ihn als "Gauner der Republik" an, und der angesehene "Nouvel Observateur" fragt auf einer provokativen Titelseite: "Ist dieser Mann gefährlich?".

Damit nicht genug: Als Sarkozy im Sommer in einem sehr durchsichtigen populistischen Manöver illegale Roma-Lager auflösen lässt, um den starken Mann zu markieren, entfacht er einen Sturm der Entrüstung.

Ein katholischer Pfarrer wünscht ihm einen Herzinfarkt, eine EU-Kommissarin fühlt sich an die Deportationen in Nazi-Deutschland erinnert und selbst der Papst ruft ihn dazu auf, Menschen in ihrer "legitimen Unterschiedlichkeit" zu akzeptieren.

Das erste Malheur passierte bereits am Abend seiner Wahl, als er den grandiosen Sieg nicht etwa mit seinen treuen Helfern feierte, sondern die Gesellschaft der Reichen und Mächtigen im Pariser Luxus-Restaurant Fouquet’s vorzog.

Vor einem Jahr versuchte Sarkozy dann, seinem politisch wenig und beruflich gänzlich unerfahrenen Sohn Jean (23) einen Top-Job in der Pariser Wirtschaftsförderung zu verschaffen. Ein zweifelhaftes Manöver, das ihm den vernichtenden Vorwurf der Vetternwirtschaft einbrachte.

Immer häufiger zeichnen die Medien das Bild eines Monarchen aus dem längst überwunden geglaubten "Ancien Régime". Sarko als Wiedergänger des Sonnenkönigs und Napoléon Bonapartes: machtbewusst und egozentrisch, abgehoben und eitel.

Am heftigsten erschüttert seine Präsidentschaft jedoch die Bettencourt-Affäre. Darin geht’s nicht nur um angeblich illegale Spenden der L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt an die Präsidentenpartei UMP und im Gegenzug um millionenschwere Steuergeschenke des Staates an Frankreichs vermögendste Frau.

Am Pranger steht vielmehr das "System Sarkozy": die innige Nähe zwischen Reichen und Mächtigen, ja, die Käuflichkeit von Politik. Der Präsident und seine Männer mögen die Mauschelvorwürfe noch so sehr bestreiten, die Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit werden immer größer.

Nicolas Sarkozys Chancen für eine erfolgreiche Wiederwahl tendieren momentan gegen null. Pal Sarkozy (82), der schillernde Präsidentenvater, bekannte unlängst in väterlicher Güte der Zeitung "Le Parisien", sein in Bedrängnis geratener Filius könnte sich eine Menge Ärger ersparen, indem er das Kapitel Elysée von sich aus beendete.

"Er wird ein viel ruhigeres und angenehmeres Leben führen, wenn er nicht wieder antritt."

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