Laborschule NRW: Eine Schule übt die Demokratie

Laborschule NRW : Eine Schule übt die Demokratie

Die Laborschule NRW erprobt seit mehr als 40 Jahren eine demokratische Schulkultur — und ist damit plötzlich wieder hochaktuell.

Düsseldorf. „Ein Gramm Erfahrung ist besser als eine Tonne Theorie.“ Wenn der Satz des US-amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey (1859—1952) stimmt, dann muss auch Demokratie vor allem gelebt und nicht nur gelehrt werden. Die Laborschule des Landes NRW in Bielefeld ist davon überzeugt und arbeitet seit ihrer Gründung 1974 an der Gestaltung einer demokratischen Schulkultur. Auf Anregung und mit finanzieller Unterstützung der Landtagsfraktion der Grünen hat sie ihre Erfahrungen jetzt in einer 70-seitigen Broschüre zusammengefasst. Schulen, die neue Wege der Demokratievermittlung suchen, finden hier zahlreiche Anregungen.

In gewisser Weise ist die Laborschule ein politisch gewollter Freiraum. Es gibt einen schuleigenen Lehrplan und den Anspruch, Probleme aus der Praxis direkt in die Wissenschaft zu tragen — durch die Anbindung an die Universität Bielefeld. Neben der Laborschule, die von der Vorschule bis zum Jahrgang 10 reicht, besteht mit dem benachbarten Oberstufen-Kolleg eine zweite Versuchsschule bis zum Abitur.

Die Bedeutung der gesammelten Erfahrungen aus mehr als 40 Jahren ist für Sigrid Beer, schulpolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion, durch die aktuelle Vertrauenskrise der Demokratie wieder hochaktuell: „Wir erleben derzeit eine Abkehr von Kennedys Satz: Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst.“ An seine Stelle rücke vielerorts ein funktionales Verständnis von Demokratie unter der Leitfrage: Was nützt mir das? Mit dem Umkehrschluss, dass verzichtbar erscheint, was keinen unmittelbaren persönlichen Nutzen erkennen lässt.

Die Laborschule hält dem seit ihrer Gründung die Erfahrung größtmöglichen Mitspracherechts entgegen. „Wir arbeiten mit Grundlagen für alle. Von dort gehen die Schüler dann ihren eigenen Fragen nach“, sagt die didaktische Leiterin Christine Biermann, seit 1979 an der Schule. Das heißt auch: Demokratie ist keine Frage des Fachs Politik, sie soll in allen Fächern und im gesamten Schulalltag spürbar sein.

Ein Kennzeichen sind die die verschiedenen Formen der Versammlungen, in denen die Schülergruppen täglich ihre Arbeit organisieren. Der Gruppenrat als Sonderform befasst sich mit der Lösung von Konflikten. Daneben gibt es noch zusätzliche Jungen- und Mädchenkonferenzen.

Ein konkretes Beispiel: Seit 2015 haben die Jahrgänge 0 bis 2 eine eigene Verfassung. „Das war ein spannender Prozess, weil zunächst ausgelotet werden musste, welche Rechte die Erwachsenen bereit sind abzugeben“, blickt Schulleiter Rainer Devantié zurück. Schnell war klar: Lesen, Rechnen und Schreiben stehen nicht zur Diskussion. Aber den Nachtisch kann die Eingangstufe jetzt auch vor dem Hauptgericht essen. Und ob sie beim Rausgehen eine Jacke anziehen, entscheiden die Kinder auch selbst.

Viel Projektunterricht ermöglicht den Kindern oft Einfluss auf die Themen, mit denen sie sich beschäftigen wollen. Weiterentwickelt mündet er in Portfolioarbeiten. Damit ist ein Lernprozess gemeint, bei dem die Schüler an der Auswahl der Inhalte, der Festlegung der Beurteilungskriterien und am Ende auch an der Beurteilung der Qualität der eigenen Arbeit beteiligt sind. Noten gibt es erst ab dem Jahrgang 9, um den Übergang zu den abnehmenden Systemen (Oberstufe, Ausbildung) zu gewährleisten.

Individuelles Lernen ja, „aber das gehört mit einem kooperativen und sozialen Lernen zusammen“, sagt Sigrid Beer. Neuer Egoismus ist nicht das Ziel. Die Schüler stellen ihre Ergebnisse öffentlich vor und zur Diskussion. Gerade das, so die Erfahrung in Bielefeld, motiviert die Kinder und Jugendlichen, an ihre Leistungsgrenzen zu gehen.

Wer die Merkmale der demokratischen Schulkultur an der Laborschule studiert, stößt auf vieles, was auch aus anderen schulischen Zusammenhängen bekannt ist — wenn auch vielleicht nicht so institutionalisiert wie in Bielefeld. Auch für die Autoren der Broschüre ist das der Anknüpfungspunkt: einfach anfangen, auch im Kleinen, in der eigenen Klasse, im Rahmen einer Regelschule. „Die Schulgesetze gewähren oft mehr Freiheiten, als die Schulen wissen“, sagt Leiter Devantié.

Einen Gegenpart zur Idee der Individualisierung und Demokratisierung von Schule sieht Jupp Asdonk, früherer Leiter des Oberstufen-Kollegs, aber doch: die einheitlichen Abituranforderungen und die internationalen Vergleichsstudien, so sinnvoll sie auch in mancher Hinsicht seien. Die Ökonomisierung des Schulbetriebs verhindert nach seiner Ansicht die Mitbestimmung eigener Lernprozesse.

Aber das Pendel schlage derzeit wieder zurück. „Nie wieder ein zweites 1933!“, lautete einst der Leitsatz bei der Gründung der Laborschule. Mit Leistungsvergleichen allein, das ist mittlerweile vielen klar, wächst jedenfalls kein demokratisches Bewusstsein.

gruene.fr/demokratie
uni-bielefeld.de/LS

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