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Die weibliche Seite des Rechtsextremismus

Die weibliche Seite des Rechtsextremismus

Die Szene gilt als von Männern dominiert. Frauen spielen aber eine wichtige Rolle.

Berlin. Sie inszenieren sich als unwissende Mitläuferin — eben nur die „Freundin von“. Es gibt noch nicht einmal ein griffiges Wort für weibliche Neonazis. Doch nach Experteneinschätzung nehmen sie in der Szene eine immer aktivere und radikalere Rolle ein. Vorbei sind die Zeiten, als Rechts-Sein Glatze und Springerstiefel bedeutete. Je attraktiver und ungefährlicher rechtsextreme Frauen aussehen, desto besser. Dahinter stecke Kalkül, sagen Experten — eine Strategie, die auch beim Prozess um den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) und die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe deutlich wird.

Längst spielen Frauen einer Analyse der Amadeu Antonio Stiftung zufolge eine Schlüsselrolle in der rechtsextremen Szene. Sie agieren verdeckt in der Nachbarschaft, in Kitas und Schulen, tragen ihre Ideologie in die Mitte der Gesellschaft. Nach Einschätzung der Wissenschaftlerin Renate Bitzan stammt bei Wahlen mittlerweile jede dritte Stimme für die Rechten von einer Frau. Jedes fünfte Mitglied rechtsextremer Parteien ist weiblich — und mindestens zehn Prozent der rechten Gewalttaten werden von Frauen verübt.

Trotzdem, sagt Michaela Köttig, Gründerin des Forschungsnetzwerks „Frauen und Rechtsextremismus“, würden Frauen noch immer nicht als Aktivistinnen wahrgenommen. „Man kann sich einen solchen politischen Hintergrund einfach nicht vorstellen.“ Selbst nach einem Jahr vor Gericht erwarten viele von der mutmaßlichen Terroristin Beate Zschäpe noch immer, dass sie Reue zeige. „Aber wieso sollte sie das, wenn sie überzeugt von ihrer Ideologie ist?“, fragt Köttig.

Ihr Image als „Freundin von“ nutzten Frauen aus der rechten Szene im NSU-Prozess bewusst aus, behauptet auch Nebenklage-Anwältin Antonia von der Behrens. Im Zeugenstand sagten sie durchweg, nicht gewusst zu haben, was ihr Freund tue.

Dabei nehmen Frauen in der rechten Szene längst alle möglichen Rollen ein. Es gebe Vordenkerinnen wie Mitläuferinnen, Gewalttätige wie sozial Engagierte, Fanatikerinnen, siebenfache Mütter oder promovierte Karrierefrauen, erläutert Esther Lehnert von der Amadeu Antonio Stiftung. Längst haben die rechten Kameraden erkannt, dass mit Frauen im Wahlkampf Stimmen zu holen sind. Sie ließen die Szene weniger gewalttätig erscheinen, sagt Köttig. Frauen machen das Image der Rechten sanft, spülen es weich, lassen sie — gefährlicherweise — besser wählbar erscheinen.