Die Wahl könnte das Kanzleramt erschüttern

Die Wahl könnte das Kanzleramt erschüttern

Berlin. Auf das Ergebnis ihres Kandidaten Christian Wulff (CDU) wollten Koalitionäre vor dem großen Tag ungern wetten. Dass dieser am Mittwoch zum zehnten deutschen Staatsoberhaupt gewählt wird, bezweifelte kaum jemand bei Union und FDP.

Ob die Wahl aber gleich im ersten Wahlgang gelingt, ist unklar.

In den ersten beiden Wahlgängen ist die absolute Mehrheit nötig, im dritten Anlauf reicht eine einfache. Bei einer Mehrheit von 21 Wahlmännern und -frauen in der Bundesversammlung wäre schon eine Wahl über mehrere Wahlgänge eine Schlappe für Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Zwar hat sich anders als bei der FDP kein Unionist offen zum rot-grünen Gegenkandidaten Joachim Gauck bekannt. Doch in der CDU sorgt man sich, dass bei dieser geheimen Wahl so manch ein Mitglied "alte Rechnungen" mit Merkel begleichen wollte. Gauck genießt durchaus Sympathien bei den Wahlleuten der CDU aus dem Osten.

Bei der FDP hieß es am Dienstag, mehr als die bereits bekannten fünf "Abweichler" aus Sachsen, Bremen und Hamburg, die Gauck wählen wollen, werde es nicht geben. Die FDP möchte im Falle verlorener Wahlgänge nicht als Schuldige dastehen.

Gauck trat am Dienstag in der Fraktion der Linken auf. Als scharfer Kritiker zentraler Positionen dieser Partei dürfte er auch in einem dritten Wahlgang nicht auf ihre volle Unterstützung zählen können. Die aber bräuchte er, um Präsident zu werden.

So konzentriert sich alles auf die Frage: Mit welcher Mehrheit wird Wulff gewählt? Eine stolperfreie Wahl des Bundespräsidenten könnte einen neuen Zusammenhalt der Koalition signalisieren. Eine Wahl beim zweiten Versuch wäre ein ärgerlicher Schönheitsfehler.

Die Notwendigkeit des letzten Wahlgangs für einen Erfolg würde aber das Bild der schwarz-gelben Zerstrittenheit und des Machtverlustes der Kanzlerin erneut bestätigen. Für Merkel wäre es ein tiefer Kratzer. Sie hat Wulff auserkoren.

Und was ist, wenn Gauck gewählt würde? "Auch dann bleibt die Koalition garantiert bestehen", hieß es in der Regierung. Begründung: "Neuwahlen wären keine Alternative, weil auch danach - wie in NRW - unklare Verhältnisse zu befürchten wären." Die FDP wäre außerdem schon deshalb gegen Neuwahlen, weil sie inzwischen laut Umfragen um ihren Wiedereinzug in den Bundestag bangen müsste.

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