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Deutscher Feuerwehrverband: Die Schattenseiten des Korpsgeists

Zum Streit im Deutschen Feuerwehrverband : Rechtsnationale Unterwanderung? - Die Schattenseiten des Korpsgeists

Der Streit im Dachverband der Deutschen Feuerwehr wirft die Frage auf: Ist die Feuerwehr empfänglich für rechtsnationale Unterwanderung? Die Einschätzung eines Insiders.

Die Diskussion um den zum Jahresende erklärten Rücktritt des Präsidenten Hartmut Ziebs von der Spitze des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV) reißt nicht ab. Der Verband der Feuerwehren (VdF) NRW fordert eine vollständige personelle Neuaufstellung des Bundesverbands und demokratischere Strukturen.

Rückendeckung kam in der vergangenen Woche auch aus dem Landtag in Düsseldorf: „In einem großen bundesweiten Verband, der die Interessen aller Feuerwehren und Feuerwehrleute in Deutschland vertreten soll, muss es möglich sein, offen über die mögliche Einflussnahme rechter Kräfte auf Verbandsstrukturen zu sprechen“, erklärte Werner Pfeil, Sprecher für Feuerwehr und Katastrophenschutz der FDP-Fraktion. Ziebs hatte die Feuerwehr vor der Gefahr einer rechtsnationalen Unterwanderung gewarnt.

Kurzer Weg vom Kritiker zum Ruf des Nestbeschmutzers

Aber was denkt man an der Basis über diese Gefahr? Einen Gesprächspartner dafür zu finden, ist nicht einfach. Der Weg vom internen Kritiker zum Ruf des Nestbeschmutzers ist in einer auf Zusammenhalt angewiesenen Organisation wie der Feuerwehr nicht weit. Auch Justus Kaufmann (Name geändert) ist wichtig, dass kein Hinweis Rückschlüsse auf seine wirkliche Identität, die Stadt und die Wache zulässt, in der er tätig ist.

Der Mittdreißiger ist Berufsfeuerwehrmann. Und um nicht missverstanden zu werden, legt er großen Wert auf seine Erfahrungen mit „überragenden Kollegen“ und „fantastischen Erlebnissen“. Aber er sagt auch: „Es gibt Leute, die nicht auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Das ist eine kleine Minderheit, die aber hin und wieder sehr laut werden kann.“

Und sich dieser Minderheit zu widersetzen, ist in der Feuerwehr nicht so einfach: „Im 24-Stunden-Dienst auf der Wache oder dem Rettungswagen muss man sich blind vertrauen. Da ist es schwer, Meinungsstreitigkeiten über Grundsätzliches anzufangen, denn dann funktioniert der Job nicht mehr.“ Auch die Personalprobleme der Wehren führten dazu, dass vieles einfach hingenommen werde.

Dazu wirken der an anderer Stelle oft dienliche Korpsgeist und die Hierarchie bremsend. Kein Löschzug und keine Wache will als problematisch gelten. Wenn aber der Löschzugführer oder Wachvorsteher als Korrektiv ausscheiden, wendet sich kaum noch einer an die nächste Hierarchieebene. Schließlich hängt die eigene Laufbahn auch vom Wohlwollen des Chefs ab. „Es wird sehr viel das gesagt, was der Vorgesetzte sagt, weil das Ärger erspart“, beschreibt Kaufmann seine Alltagseindrücke.

Zu diesen Alltagseindrücken gehört für ihn auch ein Alltagsrassismus. Da wird von Asylbewerbern als den Assis gesprochen, von Negern und Zigeunern. „Das ist nicht die Mehrheit, aber einige Ultrarechte finden sich da wieder.“ Auch das beliebte Nazischimpfwort „Zecken“ macht immer mal wieder die Runde. Und selbst das Verharmlosen des Holocausts ist ihm bereits begegnet. „Manchmal habe ich schon Bauchschmerzen und frage mich, wo ich hier hingeraten bin“, sagt Kaufmann. „Man fühlt sich machtlos.“

Radikale Meinungen so verpackt, dass jeder weiß, was gemeint ist

Ja, es gibt Gründe, die einer latenten Ausländerfeindlichkeit im Feuerwehralltag Nahrung geben: wenn die Brandmeldeanlage im Asylbewerberheim zum zehnten Mal Alarm auslöst, weil die Bewohner solche Anlagen nicht kennen und sich nicht angemessen verhalten. Oder wenn im Rettungsdienst immer wieder unsinnige Einsätze die Nacht kaputtmachen. „Und man darf nicht vergessen: Die Feuerwehr ist bis auf ganz wenige Ausnahmen noch immer ein Männerverbund mit einer eher raueren Sprache“, sagt der Feuerwehrmann. Immer wieder beobachtet er auch, dass die radikalsten Meinungen „so geäußert werden, dass sie noch in den Rahmen passen, aber jeder weiß, was gemeint ist“. Allerdings, so ergänzt er: „Ich habe noch nie erlebt, dass irgendwer deswegen vor Ort seinen Job nicht oder schlechter gemacht hätte.“

Dass Feuerwehrpräsident Hartmut Ziebs mit seiner Warnung vor rechter Unterwanderung ein extrem heikles Thema angesprochen hat, erklärt Kaufmann mit dem kollektiven Empfinden innerhalb der Feuerwehr: „Man trägt dieselbe Uniform. Kritik betrifft immer alle.“ Doch er persönlich hat in der Beziehung einen mitunter schmerzlichen Lernprozess hinter sich: „Als Beamter habe ich einen Eid auf die Verfassung geleistet. Und ich habe schon gedacht, bei der Feuerwehr, wo man doch den Menschen helfen soll, auch auf entsprechende Charaktere zu treffen. Aber das ist nicht immer der Fall.“