Fall Özil: Deutsch-türkische Fußballer: „So richtig deutsch ist man doch nicht“

Fall Özil : Deutsch-türkische Fußballer: „So richtig deutsch ist man doch nicht“

Spieler mit zwei Heimaten gibt es in NRW-Vereinen viele. Sie kennen diese Fragen nach Herkunft und Verortung — und sie sind genervt.

Düsseldorf. Fußball ist ein Geschäft mit Gefühlen. Und so handelt auch die Botschaft Mesut Özils von Gefühlen. Zerrissenheit zwischen zwei Heimaten ist eines davon, Enttäuschung über eine etwaige Ungleichbehandlung ein anderes. Es ist eine Botschaft, die nachhallen dürfte. Auch auf den Fußballplätzen NRWs mit ihren vielen Spielern, die ebenfalls nicht nur eine Heimat haben. Ein Gefühl, das dort derzeit vorherrscht: Genervtheit.

Vor allem davon, dass eine schlechte sportliche Leistung mit der Nationalität eines Spielers vermengt wird. „Das sollte gar kein Thema sein“, sagt Tayfun Uzunlar (27), Innenverteidiger beim MSV Düsseldorf und selbst Deutsch-Türke. Özil habe viel für die Nationalelf getan — und alles andere „gehört nicht in den Sport“. „Ich finde diese Debatte grandios überzogen“, sagt auch Nadir Ucan, sportlicher Leiter des türkischen Fußballvereins Türkgücü Ratingen. Es sei beachtlich, wie kurz über das desaströse Ausscheiden diskutiert wurde — und wie lange über die Frage, ob Mesut Özil zu türkisch, zu wenig deutsch ist. Ucan lässt keinen Zweifel, wie gern er rein sportlich argumentieren würde. Aber spätestens als ein Politiker Özil im Netz als „Ziegenficker“ beschmutzt habe, sei das nicht mehr gegangen: „Dann fühle ich mich als Deutscher mit türkischen Wurzeln auch angesprochen.“ Nadir Ucan ist 38 Jahre alt, in Deutschland geboren, Vertriebsleiter in einem Chemieunternehmen und seine Herkunft spielte für ihn lange eine marginale Rolle — bis auch er immer öfter gefragt worden sei, als was er sich denn nun mehr fühle: Deutscher oder Türke. Insofern liege die Özil-Debatte im Trend.

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An dieser stören ihn mehrere Aspekte — persönlich wie in der Arbeit mit seinen jungen Spielern. Erstens: Der Eindruck, dass jetzt ein einzelner Spieler stellvertretend für das Versagen bei der Weltmeisterschaft steht — und dieser ist eben Deutsch-Türke. „Diese Hetze hinterlässt Spuren“, sagt Ucan. Für die Jugendlichen sei das die Botschaft: Egal, wie gut du in der Gesellschaft angekommen bist, wie viele Integrationspreise du bekommst — machst du einen Fehler, stehst du wieder an ihrem Rand. Zweitens: Dass Politiker jetzt das Beispiel Özil heranziehen, um die Integration zur Farce und als gescheitert zu erklären, „das kränkt“, sagt er.

Drittens: Die Botschaft von Özil verweise auf den Druck, den in der Tat alle Deutsch-Türken derzeit verspürten, sich ständig politisch zu positionieren: „Wenn du nicht gegen Erdogan bist, bist du nicht integriert“, erklärt Ucan simpel. „Das geht den Jugendlichen wahnsinnig auf die Nerven.“ Ihre Ablehnung des türkischen Präsidenten als einziger Gradmesser für ihre Integrationsleistung hier — während sie von ihren Familien in der türkischen Heimat zum Teil einen ganz anderen Blick auf den politischen Führer gespiegelt bekämen. „Das kann ein 17-Jähriger nicht verarbeiten“, glaubt Ucan und sieht Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

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Allerdings ist das Thema Rassismus im Fußball nicht allein ein türkisches, sagt Samuel Heuer, dessen Eltern aus Ghana stammen und der selbst bei einer marokkanischen Mannschaft in Düsseldorf kickt. Dass ein Schiri sie in der vergangenen Saison als „Kanakentruppe“ bezeichnete, stehe da nur als trauriges Beispiel. Der 27-Jährige ist in Deutschland geboren und Kommissaranwärter bei der NRW-Polizei, wird trotzdem regelmäßig wegen seiner dunklen Haut auf Englisch angesprochen oder für sein gutes Deutsch gelobt. „Ich schmunzel dann nur“, sagt er. Dabei klingt es gar so lustig nicht, wenn er erzählt, dass er, wenn er sich als Deutscher bezeichnet, stets skeptische Nachfragen zur Herkunft seiner Familie erntet. „So richtig deutsch ist man dann doch nicht ...“ Insofern hat Özil mit seinem Gefühl einen Nerv getroffen. Um Fußball, sagt auch Heuer, geht es dabei aber gar nicht mehr. „Das finde ich schade.“

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