Die Silvesternacht von Köln: Der Silvesterschock und die Folgen

Die Silvesternacht von Köln: Der Silvesterschock und die Folgen

Die Übergriffe auf Frauen zum Jahreswechsel haben das Land verändert. Fünf Menschen sind aufs Dach des Kölner Doms gestiegen und schildern, was sie nach den schockierenden Ereignissen umtreibt.

Köln. Männerhorden machen Jagd auf Frauen. Zu Füßen des Kölner Doms, vor dem Wahrzeichen der Millionenstadt. Der Gewaltexzess am Hauptbahnhof schockiert weltweit. Bis heute. Auch in anderen deutschen Städten werden Frauen attackiert. Auf dem Dach der Kathedrale schildern nun fünf Menschen, was die verstörende Silvesternacht mit ihnen und mit dem Land gemacht hat. Ein Blick aus der Vogelperspektive. Von einem der schönsten Orte des Weltkulturerbes — dem Vierungsturm — auf die hässlichen Ereignisse

Der Polizeipräsident von Köln, Jürgen Mathies. Foto: Rolf Vennenbernd

Miriam L. schaut nicht gerne vom Dom-Dach hinunter auf den Tatort rund 70 Meter unter ihr. Sie zögert, wirkt nachdenklich. Immer wenn es dunkel wird, macht sich dieses mulmige Gefühl breit, sagt sie. „Ich bin früher nie ängstlich gewesen. Aber wenn man eine solche Gewalt erlebt hat und so eine Hilflosigkeit und Ohnmacht — das verändert einen.“ Jetzt sieht alles unauffällig aus. Doch Silvester demütigten, beraubten und begrapschten Männer hier Hunderte Mädchen und Frauen, es kam auch zu Vergewaltigungen. „Es fällt mir noch immer schwer, das zu begreifen, diese Tumulte, diese massenhaften entwürdigenden Vorfälle. Und genauso lässt mich die Frage nicht los, warum die Polizei nicht geholfen hat. Ein schlimmes Versagen.“

Die 19-Jährige und ihre Freundin sind nicht direkt am Dom angegriffen worden. Miriam zeigt von hier oben auf den Punkt, wo es geschah. In Köln-Kalk. „Zwei Männer haben uns von hinten gepackt, am ganzen Körper angefasst. Sie haben uns zu Boden geworfen. Einer hat mich an den Haaren gezogen und auf den Kopf geschlagen.“ Ihre Freundin blutete aus der Nase, am Knie. Die Männer stemmten sich auf sie. Sie sprachen Arabisch. Miriam schrie. Irgendwann ließen die Täter von ihnen ab. Die Details hat Miriam noch immer im Kopf. Die Angst, vergewaltigt zu werden, mitten in der Stadt.

Miriam ist aufgewühlt. Und die Nation mit ihr. Straftaten in perfider Vorgehensweise, begangen von überwiegend jungen nordafrikanischen und arabischstämmigen Männern, die ihre Opfer einkesselten. Viele Flüchtlinge gehörten zu den Tätern. Die Polizei war überfordert. Die Abiturientin fühlt sich von der Polizei im Stich gelassen. Im Dunkeln geht sie nicht mehr alleine raus. Ihre Eltern fahren sie. Immer. Egal, wie weit es ist oder wie spät. Sie hat Pfefferspray dabei

Die Ärztin Anna Thurau. Foto: Rolf Vennenbernd



Dass Jürgen Mathies Kölner Polizeipräsident ist, liegt an der Horrornacht. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) — selbst schwer unter Beschuss — hatte den Vorgänger im Januar abberufen. „Es ist eine sehr große Herausforderung. Ich kann nicht versprechen, dass hier nie wieder etwas Schlimmes passiert. (...) Aber ich kann versprechen, keine Planungsfehler zu machen“, sagt Mathies. Als Jäger ihm den Job anbietet, sind die entsetzlichen Bilder erst wenige Tage alt. „Diese eskalierende Gewalt. Dieses Verrohende. Dieses absolute Chaos.“ Dass sich solche Szenen nicht wiederholen, ist Mathies‘ Aufgabe, mit bundesweiter Dimension. Innere Sicherheit ist Top-Thema geworden.

Wie lautet seine Antwort? Soll die Polizei martialisch auftreten? Nein, das ist ihm zuwider. Die Beamten sollen stärker präsent, jederzeit ansprechbar sein, sagt der 56-Jährige. Das „A und O“ sei die perfekte Vorbereitung. Zum Konzept gehört: früher einschreiten, Grenzen klar aufzeigen, mehr kontrollieren. Mathies hat umgebaut. Er ist gegen Bürgerwehren vorgegangen. Und gegen die Straßenkriminalität der „Nafri“-Szene, der nordafrikanischen Intensivtäter. <

Wie sieht der Plan für die Silvesternacht 2016 aus, in der die Welt auf die Domstadt schauen wird? Einen Mix aus Absperrungen, Kontrollen an kritischen Punkten und von vielen Sicherheitskräften soll es geben. Was erwartet Mathies? „Das ist wie ein Blick in die Kugel. Ich kann nur sagen: Die Polizei ist vorbereitet. Auf alles.“

Der Moderator Peter Klöppel Foto: Marius Becker



Für Chirurgin Anna Thurau ist Silvester zum einschneidenden Erlebnis geworden. Einige der bis zu 1500 Männer, die auf dem Bahnhofsplatz randalierten, landeten noch in derselben Nacht bei ihr im Krankenhaus. Mit blutenden Wunden.

Wen sie da vor sich hatte, wusste die 28-Jährige erst nicht. Die Männer waren teilweise an Tragen gefesselt, kamen in Begleitung von Polizisten in die Ambulanz. „Sie waren wahnsinnig aggressiv, haben getreten, gespuckt.“

Die renitenten Patienten hatten Verletzungen am Kopf, Schnittwunden überall. Von Glasflaschen und Böllern. Manche seien betrunken umgefallen. „Die meisten Verletzungen kamen von Gewaltanwendung. Die müssen sich Gegenstände auf den Kopf geschlagen haben.“ Kaum einer sprach oder verstand Deutsch. Fast keiner konnte sich ausweisen.

Die ganze Nacht arbeitete Anna durch, funktionierte. Auf dem Heimweg überkamen sie Tränen. Sie brauchte eine Weile, um zu begreifen, als sie später einen TV-Bericht über die sexuellen Übergriffe sah. Ihr Freund formulierte es als Erster: „Anna, das ist krass, du hast die Leute zusammengeflickt, die anderen in der Nacht Schlimmes zugefügt haben.“ Die Medizinerin will nicht Richterin spielen. Und mahnt: „Man darf nie pauschalisieren und eine ganze Menschengruppe verurteilen.“

Der deutsch-marokkanische Komiker und Kabarettist Abdelkarim Foto: Rolf Vennenbernd



Das Image hat gelitten. „Auf Köln, auf Deutschland, lag erst mal ein dunkler Fleck, keine Frage“, sagt der RTL-Chefmoderator Peter Kloeppel. Das Versagen des Staates hatte Medien auch in den USA und Großbritannien spekulieren lassen, ob Kanzlerin Angela Merkel ihren Flüchtlingskurs aufgeben muss. Oder gleich ihre gesamte politische Macht.

Im Ausland sei die Betrachtung inzwischen „etwas abgewogener“ geworden, beobachtet Kloeppel. Die Politik sei aufgewacht, habe reagiert. Fast eine Million Flüchtlinge 2015 — das habe Staat und Bevölkerung überfordert. Die Defizite der Integration seien seit Silvester nicht mehr zu übersehen.



Der Deutsch-Marokkaner Abdelkarim könnte äußerlich durchgehen als einer der Täter der Silvesternacht. Deshalb weiß der 35-jährige Comedian, wie es ist, wenn man unter Generalverdacht gerät. „Silvester, das war definitiv eine Zäsur. (...) Wir stehen vor einer Bewährungsprobe.“

Nazis, die fremden- und islamfeindliche Pegida-Bewegung, die AfD, alle missbrauchten Silvester für ihre Propaganda, meint der Muslim. Die Politiker der erstarkten AfD lassen den Zwei-Meter-Mann schaudern. „Die sind genauso schlimm wie die Rechtsradikalen. Die Rechtsradikalen zünden das Flüchtlingsheim an. Aber die AfD macht das Feuer klar.“ Gute Zeiten für Vorurteile und Ressentiments. Sein Umfeld spüre das. Er auch. Relativieren will er nichts. „Einige haben extrem eklige Sachen gemacht, die durch nichts zu rechtfertigen sind, und für die sie hoffentlich bestraft werden.“ Trotz Hetze, Anschlägen auf Moscheen und Flüchtlingsunterkünfte hofft Abdelkarim, dass die Gesellschaft wieder zusammenfindet.

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