Der Olympia 2032-Motor läuft in Aachen

Olympia in NRW? : Der Olympia-Motor läuft in Aachen

Auf einer Konferenz werden die Voraussetzungen für die Olympischen Spiele 2032 an Rhein und Ruhr geschaffen. NRW wird dabei verkehrstechnisch neu verplant. Ein Blick in die Zukunft der Metropolen – und auf ein Großereignis.

Wer ein bisschen Begeisterung für Olympische Spiele in NRW braucht, ist bei Günther Schuh gut aufgehoben. Der Ingenieur-Professor an der RWTH Aachen steht auf der Bühne in einem Aachener Hotel, er ist groß, und er ist sprachgewandt, die Stimme des Wissenschaftlers, der mit seinem viel beachteten Elektro-Stadtauto E-Go zugleich Start-Upper ist, geht immer wieder nach oben, wenn die Begeisterung besonders groß wird. Jetzt soll er erklären, wie Olympia 2032 in einer Region funktionieren kann, in der er selbst jeden Tag mit „denselben Menschen“ verlässlich im Stau steht.

Schuh weiß, dass die Zeit dafür knapp ist, warten ist nicht sein Ding, eher machen, er ist ungeduldig, und eigentlich ist er längst ein wesentlicher Treiber dieses ganzen Vorhabens. 13 Jahre für neue Verkehrswege, emmissionslose Fahrzeuge, vernetztes Fahren und Denken, mehr öffentliche Verkehrsmittel, mehr sogenanntes „Ride-Sharing“, mehr Bushaltestellen, mehr Spuren in den Metropolen für Pedelecs und Fahrräder, mehr große „Mobility Hubs“ (Parkhäuser) und weniger frustrierender Auto-Leerstand sind nicht so viel Zeit, wie man heute denken mag. Schuh sagt: „Wir müssen Gas geben. Und wir müssen die Visionsbilder abschalten, die bis 2032 ganz sicher nicht gehen. Auch da sind wir inzwischen klarer.“

2032: Dann soll NRW im Sommer olympisch aufblühen, die ganze Region, von Köln bis nach Essen. Was 2017 als vermeintlich spinnerte Idee begonnen hat, nimmt Fahrt auf, jedenfalls jetzt und hier in Aachen, wo Initiator und Sportmanager Michael Mronz in Turnschuhen und Sakko seinen zweiten Kongress „Metropolitan Cities“ veranstaltet, der ungefähr so funktioniert: Man hat eine Vision von Olympia und einer Rhein-Ruhr-City. Und jedes Jahr soll die Idee weiterentwickelt und auf Machbarkeit hin überprüft werden. Dazu stellen Unternehmer und Start-Upper vor, was schon alles möglich ist, was sie zu diesem bunten Panorama an Visionen beitragen können.

Vielschreiber Professor Schuh ist so etwas wie die Garantie, dass aus diesen Spinnereien einmal Tatsachen werden können. Da spricht ThyssenKrupp-Vorstand Donatus Kaufmann über die Chancen von vernetzten statt konkurrierenden NRW-Unternehmen im europäischen Wettbewerb. Unternehmer Günter Troy wirbt für die „Seilbahn als ergänzende Mobilitätslösung im urbanen Raum“. Und AWD-Gründer Carsten Maschmeyer lädt den Grundgedanken von Olympia 2032 in NRW gleich mal neu mit Motivation auf: „Start Stall, think big“.

Schuh hat eine Vision
entwickelt, die Charme hat

Wenn man das alles so hört an diesem Tag im Aachener Hotel Pullmann ist die Welt bald wirklich deutlich sinnvoller und fortschrittlicher unterwegs als bislang: Die Digitalisierung, sagt Professor Schuh, sei das Konzept für Nachhaltigkeit. „Was braucht wer wann und wie? Und nur genau das, was gebraucht wird, stelle ich zur Verfügung“, erklärt er.

Sein Plan: 2032 wird der Olympia-Besucher, der von Köln nach Aachen zu den Reitwettbewerben will, seinen Pkw nicht brauchen. Er wird in einem emissionsfreien „People Mover“ transportiert, das mit Besuchern gefüllt ist, die ihren Wunsch vernetzt über eine App abgeglichen haben. Er reist dann mit der Eisenbahn weiter und wird schließlich dort erneut auf Bestellung abgeholt und bei der Dressur abgesetzt. „Unterwegs können sie komfortabel und emissionsfrei reisen und die ganze Zeit etwas anderes machen. Sie werden nicht mehr auf die Idee kommen, mit dem Pkw zu reisen.“ Schuh hat eine echte Vision entwickelt, die Charme hat: Sie handelt von einem Testfeld für vernetzte Mobilität in der Rhein-Ruhr-City für 2032, für das die Bundesnetzagentur nach seinen Vorstellungen Lizenzen vergeben sollte: Große Unternehmen würden dann investieren und ihre Fähigkeit unter Beweis stellen – und gleichzeitig den Steuerzahler entlasten. Deutschland regelt und normt die vernetzte Mobilität, als Modell für die Welt. Schuhs Vision klingt vielversprechend. Aber wird sie auch Wahrheit?

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, dem angesichts aller zeitgleichen Energiewenden und politischen Umwälzungen wie amerikanischem Protektionismus und Brexit um ihn herum langsam die Ohren klingeln, hört diese Vision zwar fortwährend mit weniger Enthusiasmus, stattdessen mit abwartendem Wohlwollen  und Realismus, aber er hört sie auch ganz gern: Laschet spricht vor dem Professor an diesem Tag und entwirft dabei seine eigene Vision von Olympia, die den vorsichtigen Umgang des Politikers mit einem ausgesprochenen Streitthema kennzeichnet, das die Bevölkerung noch gutheißen muss: „Vielleicht wird es gelingen, das Ganze kostenneutral zu gestalten“, sagt der Aachener an diesem Tag in seiner Heimatstadt. Gerade habe er sich mit der französischen Sportministerin getroffen, und in Paris, bei den Sommerspielen 2024 werde, so habe er erfahren, eben jene Kostenneutralität angestrebt. Manchmal kann das Leben so leicht sein.

Später sagt Laschet: Wenn es am Ende 2032 dann doch kein Olympia gebe in NRW, dann habe man doch immerhin schon mal ein „schlüssiges Verkehrskonzept“ der Zukunft. Was will ein Ministerpräsident schon mehr? „Schnelle Verfahrensbewilligungen durch Entfesselung – und Anschubfinanzierung“, sagt der ThyssenKrupp-Mann später, das sei es, was Politik erledigen könne. Laschet wäre es ganz recht, wenn es dabei bliebe.

Aber auch er weiß, dass es noch ein bisschen mehr brauchen wird, wenn es hart auf hart kommt. Wenn aus einem kühnen Plan Wirklichkeit würde. Erst kürzlich hatte er mit Mronz selbst für die NRW-Idee bei IOC-Chef Thomas Bach in Lausanne geworben. Inzwischen ist eine Carta verabschiedet, nach der sich Regionen statt ausschließlich Städte bewerben dürfen, nach der es auch weniger Verlierer-Städte und mehr von jenen geben soll, auf die das IOC frühzeitig zugeht. Vielleicht, sagt einer auf dem Kongress, kommt das IOC irgendwann an unserer Bewerbung gar nicht mehr vorbei. Günther Schuh hält das tatsächlich für möglich: Man brauche, sagt er, eine konvergente Idee für die ganze Region, keine individuellen Lösungen. „Und ich erlebe bei meinen vielen Gesprächen in den Städten, dass alle begeistert mitmachen wollen.“ Und dann geht die Stimme des Professors wieder nach oben. Nach ganz oben.

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