Der 11. September als Kunst?

Der 11. September als Kunst?

Die Frage muss den Angehörigen wie Hohn erscheinen. Doch Kunst ist keine Angelegenheit von Gut und Böse.

Berlin. Es war noch keine Woche nach dem 11. September 2001 vergangen, da bezeichnete der Komponist Karlheinz Stockhausen die Anschläge als „das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos“. Ein Aufschrei der Empörung — Stockhausen wurde vorgeworfen, den Anschlag zu verherrlichen. Umgehend nahm er seine Äußerungen zurück und bedauerte sie.

Der 2007 gestorbene Komponist blieb nicht der einzige. Anselm Kiefer wurde von der „FAZ“ im Februar 2011 zitiert, Osama bin Laden habe „das perfekteste Bild geschaffen, das wir seit den Schritten des ersten Mannes auf dem Mond gesehen haben“.

Ähnlich äußerte sich der Brite Damien Hirst 2002 in der BBC: „9/11 ist im Grunde für sich genommen ein Kunstwerk.“ Es sei zwar „böse“, aber gleichzeitig „atemberaubend“ und in der visuellen Wirkung genau kalkuliert. „Auf einer bestimmten Ebene muss man ihnen deshalb fast gratulieren.“ Auch er entschuldigte sich für die Wortwahl.

Hirst und Stockhausen lassen bei dieser Betrachtung die ungeheure Brutalität der Anschläge außer Acht und finden auf einer ganz abstrakten Ebene Ideen, die die Kunst seit den 80er Jahren geprägt haben: Konzeptualität — die Vorbereitung eines möglichst welterschütternden Werks — und Emotionalisierung.

Dazu kommt die starke Wirkung der Bilder: der Flugzeug-Einschlag in den Türmen und die roten Feuerwolken vor dem blauen Himmel. Die Menschen, die sich an jenem Tag in Manhattan aufhielten, sahen allerdings nur riesige Staubwolken und erzählten von Lärm und Gestank. Nur durch die mediale Vermittlung konnte der grausame Schrecken eine bizarre Faszination entfalten.

Mit den Jahren schränkten die Medien die Zahl der Motive aus der riesigen Bilderflut ein. „Heute werden immer nur dieselben fünf oder sechs Bilder gezeigt“, sagt der Kurator Felix Hoffmann, der in der Berliner C/O Galerie eine Fotoausstellung vorbereitet.

„Diese unglaublich strikte Auswahl ist meines Erachtens schon ein künstlerischer Prozess, allerdings einer, an dem nicht nur Fotografen beteiligt sind, sondern weltweit zahllose Redakteure.“

Kann man denn so weit gehen, die Anschläge selbst als Kunst zu bezeichnen? Markus Heinzelmann, Direktor des auf Gegenwartskunst spezialisierten Museums Morsbroich in Leverkusen, hält dies für grotesk: „Damit würde man ja Menschen bestätigen, die so abseitig denken wie etwa der Täter von Oslo. Das hat mit Kunst nichts zu tun. Man merkt es auch daran, dass Künstler nur vorsichtig und nach Jahren dieses Thema aufgegriffen haben.“

Zu ihnen gehören der Düsseldorfer Fotokünstler Thomas Ruff, der Bilder der Anschläge verpixelte und dadurch auf eine abstraktere, weniger gefühlsbetonte Ebene hob, und Gerhard Richter. Der Maler war am 11. September selbst auf dem Weg nach New York, der Flug wurde umgeleitet.

Sein Bild „September“ zeigt ein abgemaltes Foto der brennenden Türme, das mit wilden Pinselstrichen übermalt ist. Dadurch wirkt das Bild selbst wie zerstört und vermeidet jede Stilisierung der Anschläge. Auch das kleine Format steht der Monumentalität des Ereignisses entgegen.

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