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Demoskopie, Umfragen

Demoskopie : Wenn das Volk nach seiner Meinung gefragt wird

Die Unwägbarkeiten der Demoskopie - die Union hat die Signale bei ihrer Kanzlerkandidatenkür bewusst überhört. Das muss nicht falsch sein.

Was denkt die Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt über eine bestimmte Frage? Damit befasst sich die Demoskopie. Eine informative oder auch unterhaltsame Sache. Und eine, mit der Politik gemacht werden kann. Dennoch ist der Einfluss wohl doch nicht so stark. Das zeigt die Kür von Armin Laschet zum Kanzlerkandidaten der Union. Hätte sich die CDU ausschließlich an den Umfragewerten orientiert, so hätte sie Markus Söder, den Chef der kleinen Schwesterpartei CSU, auf den Schild gehoben. Überwältigend schien sein durch Umfragen ermittelter Popularitätsvorsprung und damit seine Aussichten, die Union in der nächsten Bundestagswahl zur stärksten Kraft zu machen.

Die Meinungsforschungsinstitute Infratest Dimap und die Forschungsgruppe Wahlen hatten Söder deutlich höhere Beliebtheitswerte attestiert als Laschet. Bei Infratest Dimap stand es 44 zu 15 Prozent für Söder, bei der Forschungsgruppe Wahlen antworteten auf die Frage, wen sie für kanzlertauglich halten, 63 Prozent: Söder. Laschet kam auf 29 Prozent.

Auch nach dem Rückzug von Söder geht das Umfragespiel munter weiter. Gerade erst veröffentlichte der „Spiegel“ neue, nach der Entscheidung erhobene Umfragewerte. Selbst unter Unionsanhängern habe Laschet laut einer repräsentativen Erhebung des Meinungsforschungsinstitutes Civey einen schweren Stand. Nur jeder Vierte halte die Entscheidung gegen Söder als Kanzlerkandidat für richtig.

Und im direkten Vergleich mit den Kanzlerkandidaten von Grünen und SPD würden bei einer Direktwahl zur Kanzlerin oder zum Kanzler nur etwa 11 Prozent Laschet wählen. Die Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock liegt mit 30 Prozent weit vorn, auch SPD-Kandidat Olaf Scholz schneidet mit 17 Prozent besser ab als Laschet.

Nun machen gerade diese erhobenen Werte ein Phänomen deutlich, das bei Meinungsumfragen immer eine Rolle spielt. Es kommt darauf an, was und wie man fragt. Hier: Es gibt nun mal keine Direktwahl des Kanzlers, die Wähler machen ihr Kreuzchen für Parteien und Direktkandidaten in den Wahlkreisen.

Gute Umfragewerte sind kein Garant für dauerhafte Popularität

Doch noch andere Faktoren spielen eine Rolle dabei, wieviel man auf das Ergebnis einer Meinungsumfrage geben kann. Naturgemäß können sie auch bei handwerklich sauberer Durchführung nur den aktuellen Meinungsstand widerspiegeln. Und der kann sich schnell ändern, das musste zum Beispiel Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erfahren. Als es in Deutschland zu Beginn der Coronakrise noch vergleichsweise gut lief, war er beliebt, innerhalb weniger Monate änderte sich das.

Umgekehrt kann Laschet argumentieren, dass auch mangelnde Beliebtheitswerte ihn am Ende nicht daran hinderten, vor vier Jahren in NRW ans Regierungsruder zu kommen. Momentaufnahmen sind eben nicht mehr als das, was sie sind: ein auf den Tag geworfenes Schlaglicht.

Hinzu kommt,  dass Meinungsumfragen mit Unsicherheiten verbunden sind. Wie aussagekräftig sie sind, hängt davon ab, wie viele Menschen sich beteiligen und vor allem auch, wen man fragt. Die Bereitschaft, an solchen Umfragen teilzunehmen, ist wegen des Aufwands und mangelnden Interesses gering. Ob die Menschen nun persönlich angesprochen, auf Festnetz oder Handy angerufen werden oder sich online befragen lassen -  die  Teilnahmebereitschaft dürfte bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich liegen.

Und dann stellt sich auch die Frage: Wen erreicht man eigentlich über die jeweilige Schiene: Wird das Bild in punkto Repräsentativität bei den per Festnetz Befragten nicht schon dadurch verfälscht, dass hier die Angerufenen in der Regel ältere Menschen sind? Bei Online-Umfragen sind es wohl eher die jüngeren Internet-affinen Kohorten. Repräsentativ?  Online-Umfragen bieten im Übrigen noch dieses Einfallstor für verfälschte Ergebnisse: Die Abstimmenden machen aus eigenem Antrieb mit. Wer an einem Thema besonders interessiert ist, dürfte dem Ergebnis auch eine andere Schlagseite geben als der rein zufällig Ausgewählte.

Hinzu kommen immer wieder Mutmaßungen, dass das eine Institut der einen, das andere der anderen politischen Richtung nahesteht. So wird das „Institut für Demoskopie Allensbach“ dem konservativen Spektrum zugeordnet, „Forsa“ soll mehr eine Nähe zu SPD-Positionen haben. Wie weit das stimmt und vor allem, ob dies Einfluss auf die Ergebnisse hat, ist jedoch genauso wenig dingfest zu machen wie bei der Beurteilung der Ergebnisse von infratest Dimap, der Forschungsgruppe Wahlen oder Civey, Yougov oder Insa.

Sie alle können sich nicht erlauben, Phantasieergebnisse auf den Markt zu werfen, deren Fehlerhaftigkeit sich spätestens am Wahltag beim Abgleich mit den Wahlergebnissen zeigt. Doch eine Garantie für die „Richtigkeit“ der Umfragen gibt es ohnehin nicht. So lagen fast alle Institute etwa beim Thema Brexit oder der Trump-Wahl vor ein paar Jahren deutlich neben der danach eingetretenen Realität.

Meinungsumfragen könnten aber durchaus das Zeug haben, die politische Entwicklung zu beeinflussen. So hat die Universität Hohenheim 2017 in einer Analyse zurückliegender Wahlen ausgemacht, welche Auswirkungen Umfragen auf die Wahlergebnisse haben können. So könnte ein schlechtes Prognoseergebnis für die vom Wähler favorisierte Partei diesen zur Stimmabgabe mobilisieren. Der umgekehrte Effekt kann eintreten, wenn ein Wahlergebnis schon als sicher erscheint: Was soll ich noch abstimmen, denkt derjenige, der seine Partei abgeschlagen im Hintertreffen sieht (Defätismuseffekt). Ebenso derjenige, der glaubt, sich auch ohne Stimmabgabe zurücklehnen zu können („Lethargieeffekt“), weil „seine Partei“ so weit vorn liegt. 

Auch könnte, so vermuten die Hohenheimer Forscher, der Mitläufer-Effekt eine Rolle spielen, man stimmt für den vorausgesagten Wahlsieger. Oder aber der Mitleidseffekt, die Stimme für den Underdog also. Oder noch schöner: der „Fallbeileffekt“: Demoskopen sagen einer Partei das Verbleiben unter der Fünf-Prozent-Hürde voraus, der Wähler will seine Stimme nicht verschenken, er wählt seine zweitliebste Partei. Sein Favorit wird „erschlagen“.

All das sind freilich auch nach Vorstellung der Hohenheimer Forscher Vermutungen,  aber immerhin, keine ganz fernliegenden Konsequenzen von Umfrageergebnissen.

Umfragen ignorieren, um in den Umfragen vorn zu landen

Dass die CDU sich bei ihrer Kanzlerkandidatenkür nicht von den Umfragewerten hat überzeugen lassen, erscheint angesichts der doch deutlichen Werte für Söder als mutig. Andererseits macht es sich vielleicht am Ende doch bezahlt, nicht auf Popularitätswerte eines Kandidaten gesetzt zu haben, die ja nur im Augenblick so sind wie sie sind. Bis zum September kann sich noch viel drehen, auch die Gegner können Fehler machen. Und Armin Laschet könnte darauf setzen, durch das Ignorieren von Umfragen in den Umfragen nach vorne zu kommen.