„Christen müssen sich einmischen“

„Christen müssen sich einmischen“

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm spricht im WZ-Interview über die große Koalition, politisches Predigen und den Kern des Evangeliums.

Düsseldorf/München. Seit er Landesbischof von München ist, ruht die SPD-Mitgliedschaft von Heinrich Bedford-Strohm. Aber auch in seinen kirchlichen Funktionen verzichtet der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche von Deutschland nicht darauf, sich immer wieder politisch zu positionieren. Ein Gespräch über die Schnittstellen von Christentum und Politik.

Herr Bedford-Strohm, sind Sie froh, dass die Koalitionsverhandlungen abgeschlossen sind?

Heinrich Bedford-Strohm: Ich begrüße es ausdrücklich, dass die Koalitionsverhandlungen zu einem Ergebnis geführt haben, auf das sich alle beteiligten Parteien einigen konnten. Der erarbeitete Kompromiss ist das Ergebnis des aufrichtigen Bemühens aller Beteiligten, mit einer politisch schwierigen Situation verantwortungsvoll umzugehen und einen drohenden Vertrauensverlust für die gesamte Politik abzuwenden. Umso wünschenswerter ist es, dass diese Verantwortungsübernahme auch von den jeweiligen Parteimitgliedern und -gremien gewürdigt wird. Eine im Lichte der möglichen Handlungsalternativen und ihrer Konsequenzen reflektierte Entscheidung darüber kann ihnen aber niemand abnehmen.

Wie beurteilen Sie die Ergebnisse aus kirchlicher Sicht?

Bedford-Strohm: Der vorgelegte Vertrag ist natürlich Ausdruck des Bemühens aller Beteiligten um einen Kompromiss. Als Kirchen hätten wir uns gerade in der Flüchtlingspolitik mutigere Schritte gewünscht. Den Ansatz, stärker in soziale Gerechtigkeit zu investieren, kann man hingegen nur unterstützen. Als Kirchen werden wir auch weiterhin darauf achten, dass bei allen Vorhaben immer die Schwachen und besonders Verletzlichen im Blick sind.

Was denken Sie als Seelsorger, wenn Sie den Namen Martin Schulz hören?

Bedford-Strohm: Man sieht an seinem Beispiel, wie extrem die Ausschläge sein können: Beim ersten Parteitag, als er 100 Prozent Zustimmung erhielt, wurde er von den Medien enthusiastisch als neue Stimme begrüßt. Und nur wenige Monate später wird die gleiche Person, die sich ja nicht grundlegend geändert hat, in der öffentlichen Darstellung ganz anders bewertet. Mich besorgt, dass sich Stimmungen so schnell wenden können. Dazu tragen sicherlich auch die sozialen Netzwerke bei. In diese Abläufe wieder mehr Vernunft, Bedachtsamkeit und Respekt gegenüber einzelnen Menschen hineinzubringen, halte ich für ein wichtiges Ziel der Erneuerung unserer politischen Kultur.

Ist Politik gnadenloser geworden?

Bedford-Strohm: Mein Eindruck ist in der Tat, dass die öffentliche Beurteilung von Politikern durch mehr Gnadenlosigkeit geprägt ist. Das macht es ihnen auch schwerer, eigene Fehler zugeben zu können. Deswegen ist der Zusammenhang von Buße und Vergebung, den die christliche Tradition betont, hochaktuell. Buße heißt ja nicht, sich selbst schlecht zu machen. Sondern mit der Buße ist eine Selbstdistanz und kritische Hinterfragung des eigenen Handelns verbunden, die heilsam ist. Wir brauchen mehr davon. Deshalb wünsche ich mir neben dem Mut zur Selbstkritik auch mehr Barmherzigkeit in der öffentlichen Debattenkultur. Beides ist eng miteinander verbunden.

Können Sie die alte Kritik nachvollziehen, Kirche solle sich aus der Politik heraushalten?

Bedford-Strohm: Das leuchtet mir schlicht nicht ein und ich habe auch noch keine guten Argumente dafür gehört. Parteipolitik gehört natürlich weder in die Kirche noch in eine Predigt. Aber programmatisch zu sagen, Politik an sich habe in der Kirche nichts zu suchen, ist aus meiner Sicht nie und nimmer vereinbar mit den biblischen Quellen. Ein zentraler Punkt im Neuen Testament ist das Doppelgebot der Liebe: Gott lieben und den Nächsten lieben. An Gott zu glauben, bedeutet immer auch, sich für andere Menschen zu engagieren. Wenn man aber die Not des Nächsten überwinden will und sie politische Ursachen hat, müssen sich Christen auch in die Politik einmischen.

Zuletzt wurde Weihnachten darüber debattiert, wie politisch Predigten ausfallen dürfen. Ist das Politische deshalb so attraktiv, weil vom Transzendenten immer schwerer zu reden ist?

Bedford-Strohm: Zunächst freue ich mich, wenn in Deutschland öffentlich darüber diskutiert wird, was eine gute Predigt ausmacht. Natürlich muss es geistlich gegründet sein, wenn in einer Predigt von biblischen Grundorientierungen und ihren politischen Konsequenzen die Rede ist. Wichtig ist aber auch, sich dann die ganze Predigt und nicht nur einzelne Sätze anzuschauen. Ich erlebe oft, dass Glaubensinhalte den weitaus größten Teil einer Predigt ausmachen, dann aber just nur die wenigen Sätze zu irgendwelchen politischen Debatten herausgegriffen werden. Das hat die Konsequenz, dass Menschen, die das lesen oder hören, denken, es sei nur über Politik gepredigt worden.

Politiker von der Linken bis zur AfD bekennen sich zum Christentum. Wie leicht fällt es Ihnen da, als oberster Repräsentant der evangelischen Kirche politisch Stellung zu nehmen?

Bedford-Strohm: Bei den Beschlüssen der EKD-Synode oder auch der Landessynoden stimmen Menschen mit ganz unterschiedlicher politischer Prägung ab und kommen trotzdem oft zu sehr einmütigen Stellungnahmen, so zum Beispiel beim Thema Familiennachzug. Da geht es immer um die gemeinsamen christlichen Grundlagen und nicht um Parteilinien. Wenn Politiker, die erkennbar einen christlichen Hintergrund haben, in den Parlamenten und Regierungen dann an bestimmten Punkten zu anderen Einsichten gelangen, müssen wir das diskutieren und im Lichte unseres christlichen Glaubens gegenseitig Rechenschaft darüber ablegen, wie wir zu den unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Das ist etwas gut Protestantisches. Kirche muss dabei auch mögliche Dilemmasituationen von Politikern im Blick haben. Und Politiker müssen sich immer wieder fragen, ob sich ihre Entscheidungen auch mit ihrem christlichen Glauben vereinbaren lassen.

Was ist aus Ihrer Sicht am Evangelium unverhandelbar und keine Auslegungsfrage?

Bedford-Strohm: Was heute unserem Grundgesetz die Richtung gibt, die Würde des Menschen, hat unverkennbare biblische Wurzeln. Die Schöpfungsgeschichte spricht davon, dass der Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen ist. Wohlgemerkt nicht der Deutsche, der Syrer oder der Sudanese, sondern jeder Mensch. Jeder Mensch ist kostbar. Damit eng verbunden ist die vorrangige Option für die Armen. Im Alten wie im Neuen Testament ist an ganz vielen Stellen sichtbar, dass diejenigen, die besonders verletzlich, schwach und auch materiell arm sind, besondere Fürsorge Gottes erfahren und darum auch Anteilnahme und Fürsorge der Menschen verdienen. Und als Drittes: Wir glauben, dass die Welt von Gott geschaffen ist. Wir Menschen, aber auch die außermenschliche Natur, sind von Gott geschaffen. Das heißt, diese Natur ist nie nur unser Besitz, den wir ausbeuten dürfen, sondern etwas uns Anvertrautes, mit dem wir sorgsam umzugehen haben.

Sie haben bedauert, dass kirchliche Positionen zur Flüchtlingsfrage und auch Ihre eigenen oft moralistisch wahrgenommen werden, obwohl Ihnen das fernliege. Woher kommt dieses Missverständnis?

Bedford-Strohm: Ich versuche immer, nicht nur moralisch-ethisch zu reden, sondern deutlich zu machen, was die geistliche Grundlage für meine Sichtweise ist. Das ist für mich eine bleibende Aufgabe. Die Zumutung, dass christlicher Glaube immer auch Konsequenzen hat für unser Verhalten gegenüber den Mitmenschen, kann ich allerdings niemandem ersparen. Das Christentum ist keine Wellness-Religion.

Sie haben das Reformationsjubiläum als Vitaminstoß für die Kirche der Zukunft bezeichnet. Andere sehen darin nur ein Strohfeuer gegenüber den alltäglichen Rückzügen der Kirche. Wie wirkt 2017 nach?

Bedford-Strohm: Es haben sich sehr viele neue Beziehungen gebildet, auch in den Ortsgemeinden. Vor allem da, wo die Gemeinden mit außerkirchlichen Partnern wie Kommunen, Schulen, Theatern oder Museen, kooperiert haben, waren die Veranstaltungen besonders erfolgreich. Jetzt geht es darum, dass wir diese neuen Beziehungen nutzen und uns nicht wieder in unsere eigenen Zirkel zurückziehen.

Die Beziehung zur katholischen Kirche ist nicht neu, aber augenscheinlich auf vielen Ebenen intensiver geworden. Was erhoffen Sie sich an Grenzüberwindungen bis zum nächsten Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt?

Bedford-Strohm: Grundlegend sind die täglichen Grenzüberwindungen in den Gemeinden vor Ort. Aber auch die Beziehungen zwischen den Menschen an der Spitze der beiden Kirchen sind wichtig. Das Vertrauen und die Selbstverständlichkeit der Zusammenarbeit, die im Jubiläumsjahr entstanden sind, werden uns hoffentlich auch in den nächsten Jahren weiterbringen. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass Diakonie und Caritas noch mehr gemeinsam machen als bisher. Und ich hoffe natürlich auch, dass wir in der Frage des gemeinsamen Abendmahls weiterkommen und in konfessionsverschiedenen Ehen lebende Menschen ermutigt werden, gemeinsam zur Eucharistie zu gehen. Das kann nur die Deutsche Bischofskonferenz entscheiden, aber ich bin zuversichtlich, dass wir auch da ein Zeichen erleben werden. Wir wollen uns aber auch als Protestanten fragen, was wir tun können, damit beide Seiten weiter zusammenwachsen. Ich erlebe da im Augenblick viel Bereitschaft.

Würden Sie so weit gehen wie die EKD-Präses Irmgard Schwaetzer, die gesagt hat, das konfessionelle Zeitalter sei vorbei?

Bedford-Strohm: Eindeutig ja. Ich glaube, dass die Menschen nicht mehr verstehen, warum die Kirchen an so vielen Stellen getrennt gehen, wenn sie doch mit Jesus Christus eine gemeinsame Grundlage haben. Martin Luther wollte Christus neu entdecken, nichts anderes. Und dieses Grundanliegen der geistlichen Erneuerung können wir als christliche Konfessionen gemeinsam aufnehmen. Es gibt keinen evangelischen oder katholischen oder orthodoxen Christus. Es gibt nur den einen Herrn Jesus Christus. Die Zukunft der Kirche wird eine ökumenische sein.