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Buch: Eine Frau hinter den Fronten des Dschihad

Buch: Eine Frau hinter den Fronten des Dschihad

Die Journalistin Souad Mekhennet hat schon zahlreiche Funktionäre des islamistischen Terrors interviewt. Ihre Arbeit gibt faszinierende Einblicke hinter die Kulissen des IS.

Frankfurt. Zum Durchatmen kommt Souad Mekhennet nicht, als sie am Stand des Beck-Verlags auf der Frankfurter Buchmesse ihr aktuelles Sachbuch „Nur wenn du allein kommst“ vorstellt. Im Fokus der Kameras gibt die Autorin ein Interview nach dem anderen, ihr Terminkalender an diesem Tag ist minutiös durchgetaktet. Die Ruhe verliert sie dabei nie. Das große Medieninteresse hat seinen Grund: Vor wenigen Tagen erst hat die in Frankfurt geborene Journalistin mit türkisch-marokkanischen Wurzeln den „Daniel Pearl Award“ erhalten, ein wichtiger Branchenpreis für investigativen Journalismus.

“Ich freue mich riesig über diese Anerkennung meiner Arbeit“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Mit Fug und Recht kann man Souad Mekhennet als eine der mutigsten Vertreterinnen ihrer Zunft beschreiben. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York waren eine Zäsur in Mekhennets journalistischer Laufbahn - der islamistische Terrorismus, die Fronten des Dschihad, die Machenschaften von al-Qaida und später des sogenannten Islamischen Staates sind die Themen, die sie fortan nicht mehr losließen.

„Ich habe nach den Anschlägen auf das World Trade Center die Frau eines Feuerwehrmanns kennengelernt, der bei den Rettungsarbeiten sein Leben verloren hat. Da ist in mir der Drang entstanden, zu verstehen, woher all dieser Hass auf den Westen kommt.“

So hat Mekhennet in den vergangenen Jahren einige der ranghöchsten Dschihadisten zu Interviews getroffen und erhielt als eine der wenigen westlichen Journalisten Einblicke in deren Machtstrukturen. Für ihre Recherchen begibt sie sich dabei nicht selten in Lebensgefahr. „Natürlich habe ich auch Angst, wenn ein Gesprächspartner etwa verlangt, dass ich ohne Ausweispapiere, Dokumente oder Handy ein Interview wahrnehmen soll.“

So geschehen, als sie bei ihrem Vorhaben, etwas über die Langzeitstrategie des IS in Syrien und im Irak zu erfahren, sich 2014 an der türkisch-syrischen Grenze mit einem hochrangigen IS-Kommandanten verabredete, der für Geiselnahmen, Folterungen und medienwirksame Hinrichtungen zuständig war, der Chef des berüchtigten IS-Henkers „Jihadi John“.

Der Kommandeur mit dem Kampfnamen Abu Yusaf war federführend für die ausländischen Geiseln zuständig, darunter auch den amerikanischen Journalisten James Foley, der enthauptet wurde. Das Propaganda-Video von Foleys Hinrichtung sorgte weltweit für Entsetzen. „Ich mußte die Bedingungen für das Treffen meiner Kontakte akzeptieren und habe aber umgekehrt auch welche gestellt, unter anderem, dass ich mir keine Fragen verbieten lassen werde.“ Das Gespräch mit Abu Yusaf fand schließlich in einem fahrenden Auto statt.

Mekhennet sagt, es gibt nicht eine letztgültige Antwort, was in Europa aufgewachsene und sozialisierte Muslime veranlasst, zu Massenmördern zu werden, sondern immer mehrere Faktoren. Eine Erklärung, wo der Hass seine Wurzeln haben kann: „Meine Familie und ich haben selbst in meiner Kindheit Diskriminierung erfahren. Ich weiß, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden.“ Etwa dann, wenn den anderen Kindern in der Nachbarschaft verboten wurde, mit ihr und ihrem jüngeren Bruder zu spielen. Immer wieder sei der Familie signalisiert worden: „Ihr gehört nicht dazu.“

Jenseits ihrer eigenen Geschichte kennt Mekhennet so manches Zeugnis westlicher Doppelmoral, wie etwa die Entführung und Folterung des Deutsch-Libanesen Khaled al-Masri durch amerikanische CIA-Agenten, als der ehemalige US-Präsident George W. Bush 2003 im Irak einen Krieg gegen „die Achse des Bösen“ führte. Mekhennet deckte den Skandal auf, an dem auch deutsche Regierungsvertreter beteiligt gewesen sein sollen: „So lange solche Dinge unter den Teppich gekehrt werden, entsteht bei einigen Muslimen der Eindruck, dass der Westen mit seinem Anspruch auf Freiheit und religiöse Toleranz mit zweierlei Maß misst.“

Als Verständnis für die Terroristen will sie ihre These jedoch auf keinen Fall verstanden wissen: „All diese möglichen Gründe rechtfertigen nicht den Tod unschuldiger Menschen.“ Wenn die Situation es zulässt, sagt sie das ihren schwierigen Gesprächspartnern auch ins Gesicht.

Diese reagieren oft irritiert auf eine Frau, die derart tough und selbstbestimmt ihren Beruf ausübt und allein damit schon im krassen Widerspruch zum islamistischen Weltbild lebt. „Bei manchen Gesprächen ist es von Vorteil, dass ich selbst eine Muslimin bin und auch einen Einblick in das Familienleben dieser Menschen bekomme.“

Souad Mekhennet sagt nach all den Jahren ihrer Recherchen, dass Gesellschaften, und dazu gehören Muslime und Nicht-Muslime, Gespräche über Themen zulassen müssen, wo die dschihadistischen Rekrutierer die Lücken füllen.

Die oft kolportierte Hoffnung mancher Experten, dass der „Islamische Staat“ sich allmählich zerlegt und finanziell so gut wie ausgetrocknet ist, kann Souad Mekhennet nicht teilen. „Der IS verfügt noch über genügend Ressourcen, um uns die nächsten Jahre weiter zu beschäftigen.“

Aufgrund ihrer intimen Kenntnisse der islamistischen Szene musste die Reporterin sich des Öfteren auch vor den Versuchen von Geheimdienste schützen, die versuchten, ihr zu folgen. Was Mekhennet zu verhindern weiß. „Ich bin Journalistin. Als solche habe ich den Anspruch, mich nicht mit einer Sache gemein zu machen. Daran halte ich mich auch strikt.“ Zwischen allen Stühlen fühlt Souad Mekhennet sich vielleicht am wohlsten.

In einer Zeit, in der in der Politik inflationär über das Verständnis von Heimat diskutiert wird, kann Weltenbummlerin Mekhennet diese Frage klar beantworten. „Ich bin Frankfurterin“, sagt sie fest. „Gestern habe ich schon ,Grüne Soße’ gegessen.“ Und wer lustvoll eine hessische Spezialität aus Kartoffeln und hart gekochten Eiern mit Kräutersoße verspeisen kann, lässt wohl keinen Zweifel daran, wo er hingehört.