Entwicklungszusammenarbeit: Das äthiopische Märchen

Stiftung „Menschen für Menschen“ : Entwicklungszusammenarbeit: Das äthiopische Märchen

Seit einem Jahr ist das ostafrikanische Land im Umbruch. „Menschen für Menschen“ appelliert, gerade jetzt zu helfen.

Auch Christian Ude erscheint es noch „wie ein Märchen“. Aber der Münchner Altbürgermeister und Vorsitzende des Stiftungsrates der Stiftung „Menschen für Menschen“, war gerade im Februar und März selbst in Äthiopien. Seither kommt er aus dem Schwärmen nicht mehr heraus, wenn er vom rasanten Wandel erzählt, den der neue Ministerpräsident in dem ostafrikanischen Land eingeleitet hat.

Genau ein Jahr ist Abiy Ahmed Ali (42) im Amt. Schon innerhalb der ersten 100 Tage wurde der 20 Jahre alte Grenzkonflikt mit Eritrea beigelegt und Äthiopien damit der Zugang zum Roten Meer gesichert, der durch Investitionen in die Häfen von Eritrea flankiert wird. Im Inneren konnte Abiy Ahmed den Großteil der Rebellen der Oromo-Befreiungsfront dazu bewegen, die Waffen niederzulegen und in die Armee zu wechseln oder mit staatlicher Unterstützung ein landwirtschaftliches Leben zu beginnen.

Die Hälfte des Kabinetts ist weiblich besetzt

Auch die groß angelegte Amnestie sei, so Ude, durch die deutsche Botschaft bestätigt: „Es gibt in Äthiopien keine politischen Gefangenen mehr.“ Mit Sahle-Work Zewde hat erstmals seit dem Ende der Monarchie 1974 eine Frau das Amt der Staatspräsidentin übernommen. Und die Hälfte des Kabinetts ist weiblich.

Aus Sicht des Sozialdemokraten sind das alles Gründe dafür, „dass das Land kein Fass ohne Boden ist“. Im Gegenteil: Gerade jetzt müsse geholfen werden. „Die Chinesen haben Äthiopien als bedeutendes Land von Afrika erkannt. Europa verschläft diese Entwicklung.“ Allerdings hat Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) bereits Ende Oktober Verhandlungen mit Äthiopien, Marokko und Senegal über eine Reformpartnerschaft begonnen. Bisher bestehen im Rahmen des Marshallplans mit Afrika solche Partnerschaften schon mit Tunesien, Ghana und der Elfenbeinküste.

Nicht nur Müller-Fan Ude und mit ihm die 1981 vom damaligen Schauspieler Karlheinz Böhm gegründete Äthiopienhilfe „Menschen für Menschen“ drängen aufs Tempo. Womöglich, so der Politiker, gebe es nur ein kleines Zeitfenster. Abiy Ahmed hat schon einen Anschlag auf eine seiner Kundgebungen überlebt und die Erstürmung seines Amtssitzes. Den Putschversuch konnte er abwenden.

Ude hält die von „Menschen für Menschen“ seit 37 Jahren praktizierte „Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe für das Konzept, das durch den Erfolg bestätigt wird“: „Wir müssen die Äthiopier fragen, was sie brauchen.“ Aktuell orientiert sich auch die Äthiopienhilfe neu. Nach den Primar- und weiterführenden Schulen richtet sie jetzt verstärkt den Fokus auf die Berufsbildung und die Schaffung von Arbeitsplätzen. „Äthiopien hat 35 Universitäten gegründet“, sagt Sebastian Brandis, Vorstandssprecher von „Menschen für Menschen.“ „Aber die Absolventen haben auch hohe Erwartungen.“ Aktuell beträgt die Jugendarbeitslosigkeit der Menschen zwischen 15 und 24 Jahren rund 25 Prozent.

Die Stiftung will sich künftig noch stärker in der Förderung von Kooperativen engagieren, beispielsweise in der Honig- oder Ölproduktion. In der Region Dano 300 Kilometer westlich der Hauptstadt Addis Abeba sind innerhalb von drei Jahren bereits mehr als 700 Arbeitsplätze entstanden. Brandis hofft auf stärkere Unterstützung durch die Wirtschaft. Mit der Münchner Kaffeemarke Dallmayr ist er gerade im Gespräch über die Gründung einer Kaffeekooperative. Aber auch die Weizenproduktion ist ein wichtiges Thema, das den Getreideimport drosseln könnte. Gute Geschäfte verspricht zudem das Plastikrecycling.

Ein Unternehmen, das schon seit Jahren zu den Unterstützern gehört, ist der Meerbuscher Delikatessenversand Bos Food. Über die Aktion „Spitzenköche für Afrika“ konnten bereits sieben Schulen in Äthiopien gebaut werden, die achte entsteht gerade. Bei der jüngsten Schuleröffnung habe Firmeninhaber Ralf Bos, so erzählt es seine Tochter Saskia, den Äthiopiern versprochen: „Meine Arbeit hört hier erst auf, wenn ich sterbe.“ Die nächste Generation steht schon bereit: Tochter Saskia ist bereits Botschafterin für „Menschen für Menschen“.

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