Die Muslimbrüder geraten immer weiter unter Druck

Die Muslimbrüder geraten immer weiter unter Druck

Opposition stellt Präsident Mursi ein Ultimatum. Er soll zurücktreten. Militär droht mit Eingreifen.

Kairo. Rauch stieg aus den Fenstern, die Scheiben wurden eingeschlagen. Bürostühle lagen auf der Straße, an manchen Stellen brannte es noch. Am Tag nach den Massenprotesten eroberten gestern Demonstranten das Hauptquartier der Muslimbruderschaft im Kairoer Stadtteil Mokattam.

Ein schwerer Schlag für die regierenden Islamisten. Der nächste folgte am Nachmittag: Das Militär sprach ein Machtwort und forderte Regierung und Opposition auf, binnen 48 Stunden ihre monatelangen Streitigkeiten zu lösen und einen Kompromiss für die Zukunft des Landes zu finden. Ansonsten übernehmen die Generäle.

Es ist der Tag der Ultimaten für die Muslimbrüder und ihren Präsidenten Mohammed Mursi. Zuvor hatte die Protestbewegung dem Staatschef eine Frist gesetzt: Bis heute Nachmittag solle er abtreten. Sie drohten mit Streiks und weiteren Protesten. Weitere Unruhen dürften die Folge sein.

Im Arabischen Frühling 2011 dauerten die Proteste in Ägypten 18 Tage, bis Langzeitpräsident Husni Mubarak stürzte. Mehr als 800 Demonstranten starben damals. In den Köpfen vieler Ägypter hat nun ein neuer Countdown begonnen. Wie lange noch wird sich Mursi halten, fragen sie sich.

Wie vor zweieinhalb Jahren strömten am Sonntag wieder landesweit Hunderttausende Menschen auf die Straßen. Demonstrationen in dieser Größe hat es in Ägypten seit den Tagen des Aufstands gegen das alte System nicht mehr gegeben. Und auch heute ist die Zukunft des bevölkerungsreichsten arabischen Landes völlig ungewiss. Die Regierung Mursi gerät zunehmend unter Druck. Es gibt bereits Zerfallserscheinungen: Fünf Minister gaben gestern ihren Rückzug aus dem Kabinett bekannt.

Die aktuelle Situation unterscheidet sich aber von der damals, als das Land völlig lahmgelegt war. Eine derartige Eskalation gibt es in Ägypten derzeit noch nicht. Dennoch sehen sich die Streitkräfte zum Einschreiten genötigt. Für die Generäle ist das nicht ohne Risiko: Denn nach dem Sturz Mubaraks hatten sie schon einmal die Macht inne. Und auch gegen sie hatte die Opposition dann heftig und gewalttätig protestiert.

Inzwischen hat sich die Stimmung aber geändert: Eine Umfrage des soziologischen Forschungszentrums Ibn Chaldun vom Frühjahr ergab, dass die Mehrheit der Ägypter in der Rückkehr der Militärs an die Macht einen Ausweg aus der innenpolitischen Krise sieht.

Mehr von Westdeutsche Zeitung