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Das große Misstrauen in Afghanistan

Das große Misstrauen in Afghanistan

Merkels Besuch in Masar-i-Scharif wird vom Massaker eines US-Soldaten überschattet. Das Vertrauen zwischen Ausländern und Afghanen hat einen Tiefpunkt erreicht.

Masar-i-Scharif. Die Soldaten sind fassungslos. Einer ihrer amerikanischen Kameraden hat in Kandahar Frauen und Kinder erschossen. Weit weg vom deutschen Verantwortungsbereich im afghanischen Norden. Und doch ganz nah. Denn der Amoklauf vom Vortag bestürzt auch Bundeswehrsoldaten in Masar-i-Scharif — ebenso wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Sie ist dort zum Blitzbesuch. Nicht angekündigt, weil die Sicherheitsbehörden Anschläge befürchten. Merkel telefoniert vom deutschen Feldlager aus mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai und drückt ihr Mitgefühl aus. Sie spricht von einer „schrecklichen Tat“.

Das Massaker sorgt vor allem unter den machtlosen Afghanen für Wut und Entsetzen. Die „New York Times“ berichtet, der Feldwebel sei mitten in der Nacht in Häuser eingebrochen. Dort habe er kaltblütig schlafende Zivilisten erschossen. 16 Opfer beklagt die afghanische Regierung, darunter neun Kinder. Die Taliban schwören, jeden einzelnen Toten des Massakers zu rächen.

Völlig unklar ist, was den Amokschützen, der selber zwei Kinder haben soll, zu der Wahnsinnstat getrieben hat. Auch andere Fragen sind offen, etwa wie es dem Amerikaner gelingen konnte, mitten in der Nacht seine schwer gesicherte Basis zu verlassen. Was aber klar ist: Das Vertrauen in die Ausländer, das wegen der Koranverbrennungen durch US-Soldaten schon schweren Schaden nahm, hat noch einmal dramatisch gelitten.

Doch auch die ausländischen Soldaten haben in den vergangenen Wochen und Monaten gute Gründe gehabt, an ihren einheimischen Kameraden zu zweifeln. Immer wieder werden Soldaten der Internationalen Schutztruppe Isaf Ziele von hinterhältigen Angriffen — auch von afghanischen Sicherheitskräften.

Partnering nennt die Isaf die militärische Hilfe, bei der die einheimischen Sicherheitskräfte ausgebildet werden und im Einsatz Seite an Seite mit den Ausländern stehen. Manche Isaf-Soldaten haben inzwischen ein ungutes Gefühl dabei. Wer weiß schon, ob nicht auch in der eigenen Partnering-Gruppe ein Afghane ist, der plötzlich die Waffe auf sie richtet?

Dabei gilt das Partnering als alternativlos, wenn die einheimischen Soldaten Ende 2014 überall die Verantwortung für die Sicherheit übernehmen sollen — und den ausländischen Kampftruppen damit den Abzug ermöglichen. Merkel macht am Montag erneut klar, dass sie an dem Abzugstermin Ende 2014 festhalten will — trotz aller Schwierigkeiten.

Niemand bezweifelt, dass die Isaf bis zum Abzug noch um viele Gefallene wird trauern müssen. Merkel verneigt sich am Montag im Ehrenhain auch vor den toten Soldaten, die die Bundeswehr seit Beginn ihres Einsatzes zu beklagen hat. 52 Männer sind bei Unfällen, Anschlägen oder im Gefecht gestorben. Die Soldaten in Masar-i-Scharif empfinden es als wohltuend, dass die Kanzlerin sie persönlich hört und ihnen für ihr Engagement ausdrücklich dankt.