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Anfeindungen gegen EU-Anhänger am Brexit-Tag

Gespaltene Stimmung : Anfeindungen gegen EU-Anhänger am Brexit-Tag

Ein kleines Häufchen in EU-Flaggen gehüllter Demonstranten singt für die Mitarbeiter des Londoner Europa-Hauses ein Ständchen. Neben ihrem Versammlungsort wird eine EU-Flagge verbrannt.

Zum Abschied ein Ständchen: Ein kleines Häufchen in EU-Flaggen gehüllter Demonstranten singt für die Mitarbeiter des Londoner Europa-Hauses am letzten Tag der britischen EU-Mitgliedschaft das bekannte schottische Lied „Auld Lang Syne“ (Nehmt Abschied, Brüder). Valerie Ball singt inbrünstig mit. „Ich will meine Solidarität zeigen mit den Leuten, die für die richtige Sache eingetreten sind“, sagt die zierliche Seniorin.

Die Londonerin möchte ihr genaues Alter nicht verraten. Sie sei damals während des Zweiten Weltkriegs wegen der deutschen Bomben aufs Land geschickt worden, erzählt sie. „Heute bin ich stolz, dass die Deutschen unsere Freunde sind“, sagt sie. Europa bedeutet Ball sehr viel: Ihr Schwiegersohn ist Spanier, ein paar ihrer Enkelkinder studieren in der EU. „Ich würde mir wünschen, dass meine Enkel später genauso einfach in den Zug nach Paris steigen und durch Europa reisen können wie ich.“

Ball versteht aber, warum Großbritannien die EU verlässt: „Das war eine Mehrheitsentscheidung, und das müssen wir akzeptieren.“ Wofür sie kein Verständnis hat, ist der Hass zwischen den Brexit-Befürwortern und -Gegnern. „Ich fühle mich in die 1930er zurückversetzt“, sagt sie.

Auf dem Protestzug vom Regierungssitz in der Downing Street über den Parlamentsvorplatz bis zum Europa-Haus wurden die überwiegend grauhaarigen Demonstranten permanent von Brexiteers angefeindet. Neben ihrem Versammlungsort wurde eine EU-Flagge verbrannt.

Die Demonstranten mussten höhnische „Bye bye EU, bye bye“-Gesänge über sich ergehen lassen und teils obszöne Beleidigungen, die Ball sichtlich zu Herzen gingen. „Ich finde das einfach nur traurig“, sagt die Seniorin. Ball hofft inständig, dass Großbritannien irgendwann doch wieder zur EU stößt. „Das werde ich leider nicht mehr erleben“, sagt sie. „Aber vielleicht meine Kinder und Enkel.“

(AFP)