Analyse: In Berlin entscheidet das Los über die Schule

Analyse: In Berlin entscheidet das Los über die Schule

Eltern in Aufregung: Es gibt zu viele Bewerber um die begehrten Plätze am Gymnasium.

Berlin. Bildung als Glücksspiel: In Berlin sollen vom nächsten Jahr an Plätze in begehrten Gymnasien verlost werden. Bundesweit starren schon Eltern von künftigen Erstklässlern nervös auf die vermeintlich wichtigste Frage der Schullaufbahn: "Bekommt mein Kind überhaupt die Empfehlung? Schaffen wir es aufs Gymnasium?" Es sind Symptome der selben Krankheit: In der Mittelschicht macht sich Bildungshysterie breit - in Berlin steigt zum Start der Sommerferien die Fieberkurve besonders hoch.

Bildungschancen werden in Deutschland nach gesellschaftlicher Herkunft verteilt. Wer in eine Professorenfamilie geboren wird, kann alles werden; wer bildungsferne Eltern aus Anatolien hat, wer in eine Familie mit jahrzehntelanger Sozialhilfebiographie geboren wird, hat in der Regel Pech gehabt. Das zeigt Pisa, das zeigt die Alltagserfahrung.

Zu große Klassen, zu wenige Lehrer, Mobbing, Gewalt und marode Gebäude: In Berlin ist das Lernumfeld oft heikel, unter vielen Mittelschichteltern grassiert deshalb regelrechte Schulhysterie.

Nach den Sommerferien beginnt in der Hauptstadt die Anmeldephase für das kommende Schuljahr, doch bereits jetzt rotieren bildungsbewusste Mütter und Väter. Um einen Platz in einer Grundschule zu bekommen, wo auf dem Pausenhof Deutsch gesprochen wird, klagen sie oder wechseln das Viertel, melden zum Schein Zweitwohnsitze an, belagern Schulleiter, schreiben flammende Bewerbungen. Oder kehren dem staatlichen System den Rücken zu: Allein im Bezirk Mitte sind in den vergangenen drei Jahren fünf neue Privatschulen entstanden. Das Zauberwort heißt: "leistungsstarke Umgebung".

In Berlin ist die Frage ab sofort besonders brisant: Ab 2010 gibt es hier laut Senatsbeschluss nur noch zwei Schultypen für die Sekundarstufe II: Gymnasien und Sekundarschulen, beide Schulen sollen zum Abitur führen. Die Hauptschule ist damit abgeschafft, die Probleme mit hohen Ausländerquoten, überforderten Lehrern, elementaren Bildungsdefiziten aber nicht. Reflexhaft zieht es die bildungsbewussten Eltern zum Gymnasium - die letzte Schule des alten Systems.

In Berlin sollen besonders begehrte Gymnasien künftig 30 Prozent ihrer Plätze verlosen. Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) argumentiert: "Das Losverfahren garantiert völlige Gleichbehandlung."