Analyse: Grüne greifen im Ländle nach der Macht

Analyse: Grüne greifen im Ländle nach der Macht

Wegen des Projekts Stuttgart 21 ist die Partei im Hoch und könnte den Regierungschef stellen.

Stuttgart. Das Milliarden-Projekt Stuttgart 21 könnte in Baden-Württemberg zu einer historischen Machtverschiebung führen. Denn die Grünen werden nach dem Konflikt um die Verlegung des Hauptbahnhofs unter die Erde in den Wahlumfragen auf bisher ungeahnte Umfragewerte katapultiert. Während sich Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) noch immer wundert, "dass sich der Protest in dieser Härte ausgerechnet gegen einen Bahnhofsumbau richtet", muss er immer stärker um seinen Posten fürchten.

Denn bei der jüngsten Befragung gaben 32 Prozent an, sie würden die Partei wählen, die seit 30 Jahren auf den Oppositionsbänken im Landtag sitzt. Damit rückt ein halbes Jahr vor der Landtagswahl sogar eine von den Grünen geführte Regierung in den Bereich des Möglichen - in einem Land, in dem seit 57 Jahren die CDU an der Macht ist. Da die Südwest-SPD in den Umfragen deutlich hinter den Grünen liegt, könnte der nächste Ministerpräsident Winfried Kretschmann heißen.

Der 62-jährige Fraktionsvorsitzende ist Gründungsmitglied der Partei. Der Biologie- und Ethiklehrer gehörte 1980 zu den ersten grünen Abgeordneten im Parlament eines Flächenstaates.

Trotz einiger Vorbehalte in den eigenen Reihen wird der Katholik Kretschmann als optimales Angebot an die Wähler angesehen. Zwar stellte ihm ein Parteitag im Juni ein dreiköpfiges Team aus zwei Frauen und einem Mann zur Seite, um ihn nicht als alleinigen Spitzenkandidaten in den Wahlkampf zu schicken. Dennoch ist der Fraktionschef die unangefochtene Nummer eins, weil er Wählerstimmen bis tief ins konservative Lager gewinnen kann.

Doch Kretschmann sieht sich gewaltigen Herausforderungen und Erwartungen gegenüber. Die Grünen haben sich als einzige Fraktion im Landtag klar gegen Stuttgart 21 positioniert. Zwar gibt es auch in der SPD Vorbehalte dagegen. Aber in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben die Sozialdemokraten das Milliardenprojekt stets mitgetragen. SPD-Minister haben während der Großen Koalition im Land 1992 bis 1996 die grundlegende Planung mit gestaltet und in der Großen Koalition im Bund die Verträge abgezeichnet.

Deshalb könnte sich eine grün-rote Landesregierung gezwungen sehen zu erklären, dass ein Ausstieg aus Stuttgart 21 kaum oder nur unter enorm hohen Kosten möglich ist. Das würde bedeuten, mehrere hundert Millionen Euro für Entschädigungen zu berappen, ohne auch nur die kleinste Verbesserung für den Knotenpunkt Stuttgart zu bekommen. Und dies angesichts eines Schuldenbergs des Landes von 42 Milliarden Euro verbunden mit dem Zwang, die Neuverschuldung zu senken.

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