Analyse: EU braucht bessere Gas-Versorgungsstrategie

Analyse: EU braucht bessere Gas-Versorgungsstrategie

Die große Abhängigkeit von Moskau und Kiew macht Europa erpressbar.

Brüssel. Die steigenden Gas-Rechnungen des russischen Monopolisten Gazprom will die Ukraine schultern, indem sie von den Russen höhere Transit-Gebühren verlangt - für die Durchleitung an die treuesten Kunden. Die erwischt es nun eiskalt. Viele der 22 von russischem Gas abhängigen EU-Staaten sind mitten im Superfrost bedroht vom gefährlichen Spiel an den Gashähnen.

Die Polen und Bulgaren haben keine größeren Zusatzkapazitäten. Sie können im Gasstreit ebenso wenig "überwintern" wie Griechenland, Slowenien und die Balkanländer. Bulgarien argumentiert schon, es müsse seinen Schrott-Atomreaktor Kozloduj hochfahren, damit die Menschen wenigstens auf Elektroheizungen umsteigen können.

So löst der Streit zwischen Moskau und Kiew enorme Kettenreaktionen aus. Die Klage aus Brüssel, die Versorgung sei "im Widerspruch zu Zusicherungen von höchsten russischen und ukrainischen Stellen" gekappt worden, zeigt die ganze Hilflosigkeit der EU. Europa wird seine Gesamtstrategie überdenken müssen. Möglichst "unabhängiges" - das heißt gegen politische Einflüsse immunes - Gas aus Zentralasien muss Europa künftig auch ohne die Gnade der Gashahn-Herrscher in Moskau und Kiew erreichen können, über eine zusätzliche Pipeline.

Das Projekt gibt es: Es heißt "Nabucco" und wird auch im Westen mitunter als wirtschaftlicher Unfug bezeichnet. Das Gegenteil stimmt: Es nutzt Europa, wenn der potenzielle Lieferant Iran nicht isoliert wird. Der aufgeschlossene Teil der Bevölkerung könnte gestärkt werden, indem man dem Land mittels "Nabucco" Gasexporte ermöglicht und dieses Geschäft mit internationalen Verträgen unterlegt. Nichts fürchten Moskau und Kiew mehr als diese neue Versorgungsschiene über die Türkei - doch aus Brüssel kommt kein Mucks dazu.

Gewiss, vor allem von den Deutschen als den größten Abnehmern russischen Gases wird in Sachen "Nabucco" Fingerspitzengefühl verlangt. Doch der Schritt ist nötig, wie auch das Überdenken einer Nato-Mitgliedschaft der Ukraine. Entsprechende Pläne, von den USA bislang forciert, spalten nicht nur das Land. Sie gefährden auch das atlantische Militärbündnis selbst, erregen Moskau und wirken sich negativ auf Europas Energie-Versorgungssicherheit aus.

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