Wohnen in Leipzig: Plattenbau der Superlative

Wohnen in Leipzig: Plattenbau der Superlative

Leipzigs „Lange Lene“ ist eine Stadt im Kleinformat — mit Café, Friseur und Bibliothek. Ein Hausbesuch.

Düsseldorf. Die „Lange Lene“ in Leipzig ist eigentlich die pure Überforderung. Ein weiß-roter Plattenbau, 335 Meter lang, zehn Stockwerke hoch. Vier Hauseingänge führen zu 792 Wohnungen, Heimat für 1600 Menschen.

Leichten Schrittes dauert es knapp fünf Minuten, auf einer Etage von einem Ende des Gangs zum anderen zu laufen. Sachsens längster Plattenbau an der Lene-Voigt-Straße 2-8 ist einer der längsten Wohnblocks Deutschlands. Stein gewordene Langeweile, irgendwie kühl und unwirtlich, könnte man denken — bis man die Bewohner trifft.

Es dauert eine Weile, bis auf das Klingeln in der Wohnung jemand reagiert. Schließlich ruft eine raue Stimme: „Ich komme!“ Amalie Elisabeth Anna Gerda Langrock ist nicht mehr so flott auf den Beinen, am 29. September hat sie ihren 101. Geburtstag gefeiert.

Die älteste Bewohnerin der „Langen Lene“ — weiße Locken, blaue Augen, von Beruf einst Telefonistin — schiebt einen Rollator vor sich her und bittet in ihre penibel aufgeräumte Zwei-Raum-Wohnung. „Was ich allein machen kann, das mache ich auch. Ich bereite mir mein Essen zu, ich spritze mir mein Insulin selbst, und ich gehe ab und zu in die Kaufhalle.“

Wenn Langrock einmal mehr Betreuung braucht, kann sie sich an den Verein „Alter, Leben und Gesundheit“ (ALeG) wenden. Der ist Herz und Seele der „Langen Lene“. 60 Prozent der Mieter in dem Block der kommunalen Leipziger Wohnungsbaugesellschaft (LWB) sind älter als 65. ALeG bietet betreutes Wohnen an — mit Wäschedienst, Weihnachtsfeier und dem Erledigen mancher Wege. „Hier wohnen viele, die ihren Tagesablauf nicht mehr allein bewältigen können“, sagt die Vereinsvorsitzende Gothild Lieber. ALeG erspare ihnen das Pflegeheim und biete Geselligkeit — zum Beispiel in der hauseigenen Bibliothek.

Roma Goldbergk sitzt zwischen den Bücherregalen im Erdgeschoss. Mit ein paar Mitstreiterinnen hat sie die Bibliothek aufgebaut. „Wir haben mit 350 Büchern begonnen“, sagt die 87-Jährige. „Inzwischen sind es 2500.“ Der Betrieb wird von den Mietern selbstständig organisiert. „Das macht uns viel Spaß, weil wir selbst Leseratten sind.“

Goldbergk nutzt die Angebote des betreuten Wohnens. „Ich nehme Hauswirtschaft und Fahrbereitschaft in Anspruch, ich lasse meine Wäsche waschen.“ Außerdem isst sie im „Café Galerie“ zu Mittag. 100 bis 120 Portionen gehen dort jeden Tag über die Theke, frisch gekocht. In der „Langen Lene“ will sie bleiben, „bis sie mich raustragen, mit den Füßen zuerst“. Goldbergk lacht verschmitzt. Allerdings erinnert sie sich auch noch an das Jahr 1968, als der Block fertiggestellt wurde. Damals war sie skeptisch. Dieser Massenbau, diese Größe. „Und jetzt wohne ich selbst schon mehr als 30 Jahre hier . . .“

Die „Lange Lene“ wurde 1999 unter Denkmalschutz gestellt. Der Block sei ein seltenes Dokument sozialistischen Städtebaus, erklärt das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen. Die schiere Länge zeichne das Haus aus. Entworfen wurde es vom Architekten Erich Böhme und dessen Kollektiv des Leipziger Baukombinats. Im Vergleich zum „Block 10“ in Halle-Neustadt (Sachsen-Anhalt) etwa sei es viel weniger schematisch und monoton gestaltet.

Sidney gehört zu den 40 Prozent der Bewohner unter 65 Jahren. Mit seinen neun Monaten ist er der Jüngste in der „Langen Lene“. „Man hat hier alles auf einem Fleck. Es gibt Spielplätze, die Krippe ist um die Ecke“, sagt seine Mutter Mandy Fischer (29). Mit ihrem Kinderwagen ist sie zwischen den älteren Bewohnern und ihren Rollatoren eine kleine Attraktion. Der jungen Mutter gefällt das Wohnkonzept dieses echten Mehrgenerationenhauses: „Das wäre auch ’was für meine Eltern, wenn die mal nicht mehr so können.“

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