Physik-Nobelpreisträger Gérard Mourou erklärt seine Forschung

Forschung zum Wohle der Menschheit : Ein Physik-Nobelpreisträger erklärt seine Arbeit

Licht besonderer Art ist das Fachgebiet von Gérard Mourou. Der Ehrendoktor der Uni Düsseldorf im Gespräch.

 „Wie erklären Sie bei einem Party-Gespräch Ihre Arbeit, Ihre Forschung? Und wofür das alles gut ist?“ Für einen Journalisten, der seinen Lesern zeigen will, was Gérard Mourou, Physiknobelpreisträger des Jahres 2018, so macht, ist der Kniff mit der Party-Frage vielleicht ein Weg, die Sache möglichst verständlich erklärt zu bekommen. Und der Franzose versucht eben das bei dem Presse-Hintergrundgespräch – einen Tag, bevor er am Donnerstag die Ehrendoktorwürde der Heinrich-Heine-Universität bekam.

Ein ultrakurzer Lichtimpuls
mit großer Wirkung

Dass er sich mit extremem Licht befasst, sagt er. Dass er Lichtpulse von Lasern komprimiert und in diese Pulse große Energiemengen packt. Diese wirken für eine Zeitspanne, so extrem kurz, dass jeder Partygast verwundert den Kopf schüttelt. Der Impuls dauert eine Femto-Sekunde, sagt Mourou. Was? Das sei eine Sekunde hoch minus 15. Oder anders ausgedrückt, ein so kleiner Sekundenbruchteil: Null komma, dann folgen erst 14 Nullen, und dann erst die 1. Auf die Nachfrage des Partygastes, in diesem Falle des mit den Ohren schlackernden Journalisten, ob damit gemeint sei, dass für einen extrem kurzen Zeitraum eine extrem hohe Energie eingesetzt werde, geht er „energisch“ dazwischen. Nein, es gehe um eine ganz kleine Menge an Energie, dafür aber um ganz viel Kraft. Damit stellt er dann auch gleich – sichtlich zufrieden – klar, wofür seine Forschung nicht taugt: für militärische Anwendungen.

Wofür denn dann? Zum Wohle der Menschheit. Das sagt er zwar nicht, aber es ist so: Mit Hilfe von Mourous Entdeckung werden längst Augen-Operationen durchgeführt. Die extrem kurze Pulsdauer bewirkt, dass nur die unmittelbar vom Laserstrahl getroffene Stelle so stark erhitzt wird, dass die Materie an dieser Stelle verdampft. Die Nachbarschaft der bearbeiteten Stelle bleibt unberührt, sie wird nicht, wie bei längeren Pulsen, großflächig erwärmt.

Ein Zufall, eher ein Unglück, führte zu seiner Entdeckung

Der freundliche ältere Herr, der auch mit 75 Jahren nicht an Ruhestand denkt, erzählt, dass dieses Hochpräzisionsskalpell im Jahr 1990 eher zufällig entdeckt wurde. Aufgrund eines Anwendungsfehlers traf bei Experimenten ein solcher Laserstrahl das Auge eines seiner Studenten. Im Hospital wunderte sich der Augenarzt über die Art der Verletzung durch den Laserstrahl, der eigentlich böse Folgen hätte haben müssen. Doch die Verletzung war so klein, so punktuell, dass der Student sein Augenlicht nicht verlor.

Der Traum vom nicht mehr strahlenden Atommüll

Und warum zeichnet die Düsseldorfer Heine-Uni Mourou nach dem Nobelpreis nun auch mit ihrer Ehrendoktorwürde aus? Professor Oswald Willi vom Institut für Laser- und Plasmaphysik sagt es, und man spürt ihm die Dankbarkeit und die Anerkennung gegenüber dem französischen Kollegen an: „Professor Mourous bahnbrechende Arbeiten haben die Forschung auf dem Gebiet der Laser-Plasmaphysik revolutioniert und die Forschungen an der Heinrich-Heine-Universität erst möglich gemacht.“ Geradezu enthusiastisch wird Willi, wenn er zusammen mit Mourou davon träumt, was noch alles möglich werden kann auf diesem Gebiet:

Kleine Laserbeschleuniger könnten eine Alternative für große Teilchenbeschleuniger werden. Man darf auf Therapien zur Behandlung von Krebs hoffen. Besonders eine diese Träumereien klingt ganz besonders spektakulär, und diesen Traum träumen die beiden Physiker Mourou und Willi zusammen: Nuklearer Müll, der eigentlich noch Millionen Jahre seine gefährliche Strahlung verbreiten würde, könnte per Laserbestrahlung unschädlich gemacht werden. Der Laserbeschuss würde eine Umwandlung der chemischen Elemente bewirken. Weg wäre sie, die tödliche Strahlung. „Dann wäre die ganze Diskussion um den Atommüll beendet“, denken sich die beiden Physiker in eine bessere Zukunft.

Mourou und die Feinde und Freunde der Wissenschaft

Ist diese bessere Zukunft eigentlich durch eine zunehmend aggressive Haltung gegenüber der Wissenschaft gefährdet? Stichwort Donald Trump, Stichwort alternative Fakten etwa mit Blick auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum menschgemachten Klimawandel? Mourou winkt ab. Er möchte Trump und dessen Rhetorik am liebsten ausblenden, gar nichts zu dem Mann sagen. Aber er setzt auf die Menschen, die, und das merke er immer wieder, begeistert von Wissenschaft und ihren Erkenntnissen seien. „Wenn man bei einem gemütlichen Zusammentreffen anfängt, über Wissenschaft zu reden und dies richtig anstellt, dann vergessen die Leute sogar zu essen“, sagt er optimistisch. Das habe er immer wieder erfahren. Aber Mourou und seine wissenschaftlichen Kollegen bei dem Presse-Hintergrundgespräch sind sich einig: der amerikanischen Gesellschaft kann ein durch solches Gerede ausgelöstes Abwandern von Wissenschaftlern durchaus noch schaden. Professor Conrad Willi hat indes eine hoffnungsfroh stimmende Gewissheit: „Die Wissenschaft ist größer als Trump.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung