Pflanzenforscher aus Düsseldorf: Das Ohne-Gentechnik-Label ist oft „sinnfrei“

Interview : Pflanzenforscher aus Düsseldorf: Das Ohne-Gentechnik-Label ist oft „sinnfrei“

Der Pflanzenforscher Andreas Weber spricht im Interview über Gentechnik, das Wunder der Fotosynthese und die Herausforderung der Welternährung. Und er erklärt, warum so manches Siegel auf Lebensmitteln nicht wirklich hilfreich ist.

Wer das Büro 01.30 des Gebäudes 26.03 der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf über das triste Treppenhaus und den dunklen Laborflur erreicht, kommt nicht zwangsläufig auf die Idee, gleich einem der führenden deutschen Pflanzenforscher gegenüberzustehen. Professor Andreas Weber (55) ist Sprecher des Exzellenzclusters Ceplas, eines Forschungsverbunds der Universitäten Düsseldorf und Köln sowie des Max-Planck-Instituts und des Forschungszentrums Jülich. Das Cluster ist das Einzige der Universität Düsseldorf und deutschlandweit das Einzige für Pflanzenforschung.

Herr Weber, an diesem Samstag lädt die Pflanzenforschung weltweit zum Facination of Plants Day ein. Welchen Sinn hat der Aktionstag?

Andreas Weber: Die Gesellschaft ist inzwischen blind für die Bedeutung von Pflanzen für unsere Ernährung und unseren Wohlstand. Nahezu alles, was wir tun, basiert auf Pflanzen: unsere Ernährung und die der Tiere, auch alle nicht erneuerbaren Rohstoffe, die wir nutzen. Und wir hängen auch in Zukunft von Pflanzen ab: Ohne Pflanzen gibt es kein menschliches Leben auf der Erde. Dabei ist die Pflanzennutzung eine relativ kurze Erfolgsgeschichte. Erst durch die Kultivierung von Pflanzen vor rund 10 000 Jahren konnten die Menschen sesshaft werden und Städte und Gesellschaften entwickeln, wie wir sie heute kennen. Das alles wird heute nicht mehr wertgeschätzt, auch nicht im medizinischen Bereich. Viele medizinische Wirkstoffe stammen ursprünglich von Pflanzen.

Woran forschen Sie bei Ceplas?

Weber: Wir arbeiten an zwei Teilen der Pflanze. Bei dem Teil, der in der Erde steckt, den Wurzeln also, spielen Fragen der Bodenbeschaffenheit, der Mineralien und auch der Pflanzenkrankheiten eine Rolle. Der andere Teil beschäftigt sich mit dem Pflanzenteil über der Erde, also der Fotosynthese und den pflanzlichen Entscheidungsprozessen. Woher weiß eine Pflanze zum Beispiel, dass sie blühen soll?

Welche Rolle spielt Gentechnik in Ihrer Forschung?

Weber: Eine wichtige. Wenn wir meinen, ein Gen identifiziert zu haben, das mit bestimmten Abwehrprozessen oder der Zahl der Samenanlagen zu tun hat, versuchen wir, das Gen auszuschalten, um zu überprüfen, ob es tatsächlich einen Effekt auf den Prozess hat. Wir können auch Gene vermehren, um Pflanzen beispielsweise resistenter zu machen. Oder wir verwenden Genvarianten einer anderen Art.

Und das Ziel ist, genveränderte Pflanzen zu erzeugen, die widerstandsfähiger sind und ertragreicher?

Weber: Das ist eines der langfristigen Ziele dieser Forschung, insbesondere bei den Ceplas-Kollegen, die sich mit dem pflanzlichen Immunsystem beschäftigen.

Macht es eigentlich Spaß, in einem Bereich zu forschen, der gesellschaftlich so kritisch gesehen wird?

Weber: Die Forschung macht schon Spaß, weil sie zunächst einmal von diesen gesellschaftlichen Betrachtungen unabhängig ist. Frustrierend ist, dass das Wissen, das wir generieren und das zur Sicherstellung von Erträgen oder einer nachhaltigeren Landwirtschaft beitragen könnte, zum Teil einfach nicht genutzt werden kann, zumindest nicht bei uns, weil die Methoden zur Umsetzung hier nicht akzeptiert werden.

Ein Beispiel?

Weber: Es gab Anfang der 2000er Jahre mehrere Projekte, die sich damit beschäftigt haben, die Fotosynthese-Effizienz zu erhöhen, auch hier in Düsseldorf. Dazu folgten 2007 und 2012 auch Publikationen. Aber passiert ist nichts, bis eine amerikanische Gruppe, gefördert von der Bill & Melinda Gates Foudation, diese Ideen aufgegriffen, modifiziert und im Feld gezeigt hat, dass man mit diesen Methoden den Tabak in der gleichen Zeit bis zu 40 Prozent mehr Biomasse produzieren lassen kann. Diese Veröffentlichung hat dann Anfang dieses Jahres weltweit einen Riesenwirbel erzeugt – mit Ideen, die in Deutschland von deutschen Forschern generiert worden sind. Aber umgesetzt wurden sie in den USA.

Greenpeace als Kritiker genveränderter Organismen sagt immer wieder, die Verheißungen hätten sich nicht erfüllt, Ertragssteigerungen seien nicht nachgewiesen, dafür würden neue Problem entstehen.

Weber: Bei Greenpeace geht es zwar zum einen um eine oft gute Sache, zum anderen aber auch darum, Spendenmittel zu akquirieren, und dazu braucht man Symbole. Das Gentechniksymbol wird von Greenpeace aber nur dort eingesetzt, wo dieser Skeptizismus gegen Gentechnik schon verankert ist. In England und der Schweiz gibt es Freilandversuche, bei denen kein Mensch protestiert, auch Greenpeace nicht, weil es sich dort nicht lohnt. Aber zur Sache selbst: Derzeit sind in der Tat keine gentechnisch veränderten Pflanzen mit Ertragseigenschaften auf dem Markt. Es gibt derzeit nur zwei verbreitete Arten von gv-Nutzpflanzen: diejenigen mit einer Herbizid-Resistenz gegen Glyphosat und diejenigen, die selbst ein hochspezifisches Insektengift produzieren. Beide Rechte liegen bei Monsanto, was natürlich wieder Symbolwirkung hat.

Aber der Widerstand gegen Feldversuche verhindert den Nachweis, dass es auch bessere Erträge geben könnte?

Weber: Genau. Man müsste das ausprobieren können. Aber das passiert hier nicht mehr, weil sowohl die Auflagen als auch das Risiko der Zerstörung so hoch sind. Das gilt auch für die Grundlagenforschung. Wenn ich eine Doktorarbeit vergebe zu einem Thema, das einen Feldversuch erfordert, der dann aber zwei Jahre in Folge zerstört wird, kann die Person nicht promovieren und ich habe damit eine wissenschaftliche Karriere ruiniert. Und solange mir der Staat keinen Schutz bietet, meine grundgesetzlich garantierte Forschungsfreiheit auch wahrnehmen zu können, kann ich solche Dinge nicht machen. In der Schweiz geht das.

Auch in Ländern wie Brasilien, Argentinien, Kanada, USA, Australien, China und Spanien ist das kein Problem. Wie erklären Sie sich diese Unterschiede?

Weber: In den letzten fünf bis zehn Jahren hat auch der Gegenwind in den USA zugenommen. Das hat mit den Symbolen zu tun, die dahinterstehen, in erster Linie Monsanto und Glyphosat. Und diese Symbole sind negativ besetzt, weil sie für eine bestimmte Art von Landwirtschaft stehen. Gentechnik wird gedanklich daran gekoppelt und nicht davon getrennt. Man überlegt auch nicht mehr, wie die Technologien möglicherweise sinnvoller eingesetzt werden können im Interesse einer besseren Landwirtschaft. In China wissen sie, wie wichtig Landwirtschaft ist. Viele meiner chinesischen Professorenkollegen, die etwas älter sind, haben in der Kulturrevolution noch Hunger erlebt. In Mitteleuropa sind Landwirte dagegen nur noch die Klima- und Diversitätszerstörer.

Am 27. September 2018 war die Freude groß in Düsseldorf. An dem Tag kam die Nachricht, dass das Exzellenzcluster Ceplas weiter gefördert wird. Bis 2025 stehen den Forschern 42 Millionen Euro zur Verfügung. Beantragt hatten die Wissenschaftler 57 Millionen. Im ersten Förderzeitraum 2012 bis 2018 waren 34 Millionen Euro an den Verbund geflossen. Natürlich ist auch Weber froh über das Geld. Aber eigentlich wären für ihn angesichts der Aufgaben ganz andere Summen notwendig. In einem Fachinterview hat er einmal gesagt: „Wir brauchen Milliarden.“

Vor welchen Herausforderungen steht denn die Welternährung aus Ihrer Sicht?

Weber: Vor allem vor einem weiter steigenden Bedarf. Allein in meinem bisherigen Leben hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt. Bis Mitte des Jahrhunderts werden wir zehn Milliarden sein. Und die landwirtschaftliche Produktion muss mithalten, gerade da, wo die Bevölkerung schnell wächst. Zum anderen ändert sich das Klima und das ändert auch die Anforderungen an Nutzpflanzen. Und zudem werden bestimmte Rohstoffe wie Phosphat immer knapper.

Und die nötigen Ertragssteigerungen sind ohne Gentechnik nicht erreichbar?

Weber: In den vergangenen 50 Jahren gab es durchschnittlich Ertragssteigerungen von 1,6 bis 1,7 Prozent pro Jahr. Wir müssten aber ab sofort Steigerungen von mehr als zwei Prozent haben. Ich würde nie so weit gehen zu sagen, Gentechnik sei der einzige Ausweg. Ertragszuwächse sind das eine, Verhaltensänderungen das andere. Man muss immer an mehreren Stellschrauben drehen. Der Vorteil der Gentechnik ist, dass man schneller herausfinden kann, welche Genvarianten ertragreicher sind. Die derzeitige Pflanzenzüchtung kann mit ihrem relativ langsamen Fortschreiten nicht mehr mithalten mit dem wachsenden Bedarf.

Was ist nachhaltiger?

Weber: Die erste Grüne Revolution verdanken wir Norman Borlaug, der für seine Züchtung ertragreicherer Getreidesorten 1970 den Friedensnobelpreis erhielt. Das war aber verbunden mit einer massiven Zunahme an Düngung. Während sich der Ertrag verdreifacht hat, wuchs der Stickstoffverbrauch um den Faktor acht. Für die Grundlagenforschung heißt das: Wir müssen verstehen, warum diese Pflanzen relativ gesehen so ineffizient geworden sind. Und wenn wir diese genetischen Denkprozesse nachvollziehen können, können wir sie möglicherweise auch ändern. Das ist Forschung, die wir auch hier im Cluster machen, mit dem Ziel, Züchtung zu verkürzen und zu verbessern.

Haben Sie als Biochemiker Sympathie für die ökologisch betriebene Landwirtschaft?

Weber: Klar. Meine Milch, mein Joghurt und Quark kommen auch von Biobetrieben, in erster Linie wegen des Tierwohls. Aber auch hier gibt es zu viel Dogmatismus. Meine Wissenschaftskollegen, die sich damit befassen, sagen, dass wir 20 Prozent mehr Flächen bräuchten, wenn wir die Welt nur mit ökologischer Landwirtschaft ernähren wollten.

Aber Sie haben kein Problem, gentechnisch veränderte Pflanzen zu essen?

Weber: Keineswegs. Ich esse sie auch jeden Tag. Viel von dem Soja zur Tierfütterung ist nun mal gentechnisch verändert. Dieses Schwarz-Weiß-Denken hilft nicht weiter. Für nachhaltigere Landwirtschaft muss man das System benutzen, das für den jeweiligen Anspruch, den jeweiligen Boden, den jeweiligen Bedarf gerade am besten geeignet ist. In Bangladesh wird für die Auberginen inzwischen in großem Maßstab genetisch verändertes Saatgut verwendet. Seither hat sich die Gesundheit der Bauern verbessert, weil sie früher im Wochenabstand gegen bestimmte Insekten gespritzt haben. Jetzt müssen allerdings auch Rückzugsbereiche für die Schadinsekten geschaffen werden, damit sie nicht so schnell resistent werden.

Das Label „Ohne Gentechnik“ ist für Sie also keine Entscheidungshilfe?

Weber: Nein. Oft genug ist es auch völlig sinnfrei. Wie der Hinweis „Laktosefrei“ auf dem Schinken, der nie Laktose enthalten hat.

Wissen Sie eigentlich noch, wodurch Ihre Begeisterung für Pflanzen entstanden ist?

Weber: Das war während meines Studiums in Würzburg, als ich zum ersten Mal selbst aus einer Pflanze Chloroplasten isoliert und mir dann im Reagenzglas angeguckt habe, wie sie aus Licht und Mineralien Sauerstoff machen. Von dem Moment an war ich für die Pflanzenbiologie begeistert. Ohne Pflanzen wäre die Erde nicht bewohnbar geworden. Die Welt basiert auf Fotosynthese.

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