1. Panorama
  2. Wissenschaft

Down-Syndrom: Umstrittener Bluttest für Schwangere

Down-Syndrom: Umstrittener Bluttest für Schwangere

Ein neues Verfahren macht es möglich, ohne Risiko für Mutter und Kind das Down-Syndrom nachzuweisen.

Düsseldorf. Ein neuer Bluttest für Schwangere könnte demnächst die vorgeburtliche Diagnostik revolutionieren. Will eine werdende Mutter wissen, ob ihr ungeborenes Kind an der Chromosomenstörung Trisomie 21 („Down-Syndrom“) leidet, musste sie sich bis jetzt einer für den Fötus riskanten Fruchtwasseruntersuchung unterziehen — in einem von hundert Fällen führt sie zu einer Fehlgeburt.

Nun kommt ein neuer Test auf den Markt. Die Firma Lifecodexx in Konstanz hat ein Verfahren entwickelt, das das Risiko einer Fehlgeburt ausschließt — die werdende Mutter muss sich lediglich etwas Blut abnehmen lassen.

„Im Blut einer schwangeren Frau befinden sich Teile des Erbguts des ungeborenen Kindes“, sagt Firmensprecherin Elke Decker. „Diese kleinen Schnipsel können wir entschlüsseln.“

Der neue Bluttest soll ab dem zweiten Quartal 2012 verfügbar sein und könnte weitreichende Konsequenzen haben.

Sollte er Standard werden, könnte es möglicherweise in Deutschland bald keine Babys mit Down-Syndrom mehr geben. Schon jetzt treiben 95 Prozent der Frauen mit entsprechender Diagnose ab.

„Dieser Test ist keine Bagatelle“, sagt Giovanni Maio, Medizinethiker an der Uni Freiburg. Vielmehr leite er eine neue Ära ein: „Kinder werden immer mehr zu prüfbaren Produkten, die erst einen Test bestehen müssen, bevor sie auf die Welt kommen dürfen.“

Künftig werde die Umwelt immer weniger Verständnis für Eltern behinderter Kinder haben. „Ihnen wird man zunehmend Fahrlässigkeit unterstellen.“

Kritik am Bluttest kommt auch vom Verein Lebenshilfe, der sich für die Belange behinderter Menschen einsetzt. „Das Verfahren erhöht den Druck auf Schwangere, sich testen zu lassen und die Schwangerschaft abzubrechen, falls das Kind das Down-Syndrom haben sollte“, sagt der Bundesvorsitzende Robert Antretter.

Hubert Hüppe, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, geht sogar noch weiter: „Der Test diskriminiert behinderte Menschen in der schärfsten Form. Er dient weder der Heilung noch der Gesundheit, sondern fast einzig dem Aufspüren und anschließenden Töten von Menschen mit Down-Syndrom“, sagt er. „Deswegen halte ich den Test nach dem neuen Gendiagnostikgesetz auch für illegal.“

Der Berufsverband der Frauenärzte sieht in dem Test hingegen eine Errungenschaft. „Wenn die Ergebnisse das halten, was man sich davon verspricht, ist es eine Methode, die nicht invasiv ist und Fruchtwasseruntersuchungen überflüssig macht“, sagt der zweite Vorsitzende, Klaus König.

Den Vorwurf, behinderte Menschen würden ausgemustert, lässt er nicht gelten: „Wir sehen in der Fruchtwasseruntersuchung keine Selektion. Warum sollte es hier anders sein?“

Laut Lifecodexx soll der Test zudem „ausschließlich Frauen mit Risikoschwangerschaft ab der zwölften Schwangerschaftswoche nach medizinischer Indikation sowie genetischer Aufklärung zugänglich sein“ — also etwa älteren Schwangeren ab 35 Jahren. Ob das auf Dauer gewährleistet werden kann, ist fraglich.

„Viele Schwangere auch ohne Risiko werden von dem Test profitieren wollen“, sagt König. „Man kann es ihnen nicht verdenken — bisher war das Risiko einer Fehlgeburt für viele Frauen ein Hindernis.“

Ob die Kosten von den Krankenkassen übernommen werden, ist noch unklar.