Warum deutsche Hauptschüler in York Englisch lernen

Warum deutsche Hauptschüler in York Englisch lernen

Das Fach hat nur noch einen geringen Stellenwert. Doch ein Direktor trotzt dem Trend.

York/Krefeld. Nicht immer hängen Steffi, Robert und Helena so gebannt an den Lippen ihres Lehrers. Björn Oswald steht vor dem Domschatzmeisterhaus in York und erzählt den Schülern der Krefelder Stephanusschule, einer katholischen Hauptschule, gruselige Geschichten. Englischunterricht einmal anders: nicht trocken aus Lehrbüchern, sondern anschaulich in der mittelalterlichen Stadt in Nordengland.

Hauptschulen in NRW fällt es schwer, ihre Schüler fürs Englische zu begeistern. Schuld daran ist unter anderem die frühere rot-grüne Landesregierung, die das Fach abwertete und im Gegenzug Technik und die Naturwissenschaften aufwertete. "In den Klassen 9 und 10A ist Englisch nicht mehr versetzungsrelevant", bestätigt Thomas Breuer, Sprecher von Schulministerin Barbara Sommer (CDU).

Die Folgen sind fatal. "Da auch die Eltern wissen, dass Englisch in Klasse 8 und 9 nur Nebenfach ist, legen sie keinen Wert auf gute Leistungen", sagt Schulleiter Uwe Engelbrecht.

Dabei ist für Schüler das Beherrschen der Sprache wichtig mit Blick auf den beruflichen Werdegang. "Warum soll das für Hauptschüler nicht gelten?", fragt Engelbrecht. Die Fremdsprache als zusätzlicher sozialer Ungleichmacher?

Die schwarz-gelbe Landesregierung will davon nichts wissen, auch wenn sie zum Schuljahr 2008/2009 die bislang gültige Wochenstundenzahl von 23 bis 25 Stunden auf 22Wochenstunden kürzte - in allen Schulformen. "Damit zollen wir dem Umstand Tribut, dass Englisch inzwischen ab Klasse1 unterrichtet wird", betont Breuer.

Die Hauptschulen sind davon nicht begeistert. "Wir haben schon vorher lange überlegt, wie wir die Schüler motivieren und dem Fach den notwendigen Stellenwert geben können", erinnert sich Engelbrecht an Diskussionen im Kollegium. Zu Hilfe kam der Zufall. "Ein Kollege fand im Lehrerzimmer die York-Werbung eines Reisebüros", so der Schulleiter. Das war vor sieben Jahren.

Seither geht jedes Frühjahr eine Klassenfahrt in die 125000-Einwohner-Stadt, die nichts für schwache Nerven ist. Nicht umsonst wird vom "haunted York" - spukenden York - gesprochen. So erzählt auch Lehrer Oswald von einem Installateurlehrling, der vor mehr als 50Jahren im Keller des Domschatzmeisterhauses Gruseliges erlebte.

"Plötzlich kam ein römischer Soldat durch die Wand geritten, gefolgt von bewaffneten Gefolgsleuten", berichtet Oswald. Die Legionäre seien jedoch nur bis zu den Knien zu sehen gewesen.

"Nette Geschichte", ruft ein Schüler - und hört, dass Grabungen einige Jahre später Unglaubliches zutage brachten: Unter dem Schatzmeisterhaus verlief einst eine römische Straße. "Und die Überreste fanden sich knietief unter dem heutigen Boden", ergänzt Oswald. Mehr müssen die Schüler nicht hören, um in den Bann der englischen Stadt und Sprache gezogen zu werden.

"Hier erfahren die Jugendlichen, dass sie Englisch nicht für die Schule lernen", betont Engelbrecht. Schon wenige Sätze in der Fremdsprache bauten das Selbstwertgefühl der Hauptschüler auf, die oft als Absolventen der "Restschule" abgestempelt würden.

"Der ein oder andere staunt über sich selbst, wenn er sich verständigen kann." Zudem lernten die Schüler die englische Kultur kennen. "Die Kinder kommen selten ins Ausland. Höchstens einmal mit den Eltern zum Camping nach Holland", sagt Engelbrecht.

Doch mit nach York darf nur, wer Leistung erbringt - wie die Englisch-Erweiterungskurse in Klasse9. "So weiß jeder Schüler: Wenn ich in den E-Kurs komme, geht’s nach York", betont Engelbrecht den erzieherischen Aspekt. Mit dürfen auch die 10B-Schüler, die den weiterqualifizierenden Abschluss anstreben. In diesem Jahr wird die Klassenfahrt erstmals als Projekttag aufgearbeitet. Engelbrecht: "Wir hoffen so, auch die Jüngeren für die englische Sprache zu begeistern."

Mehr von Westdeutsche Zeitung