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Video-Überwachung Indect - „Großer Bruder“ aus Wuppertal

Video-Überwachung Indect - „Großer Bruder“ aus Wuppertal

Forscher wollen die Überwachung im Alltag mit einer neuen Video-Software perfektionieren.

Wuppertal. Drohnen, die aus der Luft Deutschlands Straßen überwachen und untereinander vernetzt sind. Eine Video-Software, die erkennt, wenn ein Mann im Bahnhof einen anderen mit dem Messer bedroht, und die dann Alarm schlägt. Das klingt nach Science-Fiction, tatsächlich aber könnte diese Technologie bald Wirklichkeit werden.

14,86 Millionen Euro lässt sich die EU das auf fünf Jahre angelegte Projekt „Indect“, das 2013 abgeschlossen werden soll, kosten. 700.000 Euro davon gehen an die Bergische Universität Wuppertal. Das Ziel der beteiligten Wissenschaftler und Firmen: Sie wollen bestehende Technologien zu einem Netzwerk zusammenfassen. Heißt: Daten aus dem Internet, von Videokameras oder Mobiltelefonen könnten miteinander abgeglichen werden.

Wie das funktionieren könnte, illustriert ein Werbevideo im Netz, dessen Tenor selbst Projektbeteiligte als „unglücklich“ gewählt bezeichnen — weil es den Datenschutz wenig ernst nimmt: Ein Unbekannter stiehlt geheime Daten aus einem Büro, verschiedene Kameras verfolgen den Weg des Mannes durch die Stadt. Das Gesicht jedes Menschen, mit dem er Kontakt aufnimmt, wird erfasst, eine Software liefert auf der Stelle Hintergründe zu den Beteiligten.

Klingt nach Überwachungsstaat, sagt der Asta der Uni und hat das Projekt für den BigBrother Award nominiert, einen Preis, der Firmen, Organisationen und Personen anprangert, die den Datenschutz vernachlässigen. „Wir haben deutliche Bedenken“, sagt Asta-Sprecher Bastian Wefes: „Es handelt sich hier um ein großes Überwachungsprojekt, bei dem grundsätzlich jeder verdächtig wäre.“

Andere sprechen bereits von der größten Menschensuchmaschine der Welt. Anton Kummert von der Universität Wuppertal, der an dem Projekt beteiligt ist, kann diesen Vergleich nicht nachvollziehen. „Das ist blanker Unsinn“, sagt er. „Wir liefern die wissenschaftliche Basis, erforschen, was möglich ist. Was tatsächlich umgesetzt wird, ist Sache des Gesetzgebers.“

Er führt als Argument für das Projekt auch die Sicherheit an. Zunehmend überwachen Kameras den öffentlichen Raum. Sie alle im Blick zu behalten, sei für den Einzelnen unmöglich. „Es geht darum, das Personal zu unterstützen und zu entlasten“, sagt er. Zudem entwickelten andere Staaten bereits ähnliche Technologien. „Wer das EU-Projekt verhindert, verhindert nicht die weltweite Entwicklung.“

Rückendeckung bekommen Kritiker von Thilo Weichert vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein. „Hier würde unverdächtiges Verhalten registriert, das widerspricht deutscher und europäischer Rechtsprechung“, sagt er. „Menschen müssen sich unbeobachtet bewegen können.“