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Studium für Ältere: „Besser als Kreuzworträtsel“

Studium für Ältere: „Besser als Kreuzworträtsel“

Heide Niang und Angelika Pütz wollen als Seniorenstudenten noch dazulernen.

Wuppertal. Sie kennen die verwinkelten Wege und vielen Gebäude auf dem Campus in- und auswendig. In den vergangenen acht Semestern ist die Bergische Universität Wuppertal zu ihrem zweiten Zuhause geworden. Heide Niang (68) und Angelika Pütz (60) absolvieren ein Studium für Ältere, so heißt es an der Bergischen Uni.

„Wir sind keine Gasthörer“, betont Niang, „wir studieren richtig.“ Das ist ihr wichtig klarzustellen. Unter dem Klischee-Gasthörer, der vorzugsweise Geschichtsvorlesungen zum Thema Zweiter Weltkrieg besucht und aus dem Nähkästchen plaudert, leide das Image der älteren Studierenden.

„Wir sind genauso genervt, wenn einer von denen nicht mehr aufhört zu reden“, sagt Niang. „Aber es gibt ja auch junge Leute, die gern monologisieren“, wirft Pütz lachend ein.

„Viele Junge wissen mit uns erst einmal nichts anzufangen. Aber das Eis bricht, wenn man sagt: Ich will doch dasselbe lernen wie du.“ Die Seniorenstudenten dürfen im Gegensatz zu den Gasthörern auch Seminare besuchen, schreiben Hausarbeiten. Niang und Pütz suchen zurzeit ein Thema für ihre Abschlussarbeit.

Nach dem Berufsleben noch einmal an die Uni — was ist die Motivation dahinter? Das haben auch viele Bekannte gefragt. Die beiden Frauen haben in der Jugend nicht studiert. „Heiraten, Kinder kriegen, und dann was Solides lernen. Das war der vorgegebene Weg für Frauen“, sagt Pütz. Sie selbst war Diplomverwaltungsangestellte bei der Deutschen Telekom und ist in den Vorruhestand gegangen. Beiden Frauen fehlte etwas.

„Scheine zu machen, benotet zu werden, das ist auch eine Selbstbestätigung, dass man den Ansprüchen genügt“, findet Pütz. Lebenslanges Lernen sei wichtig. „Das ist besser, als wenn man nur Fernsehen schaut, Kreuzworträtsel löst — man kann ja auch schlecht das ganze Jahr reisen“, sagt Niang.

Bei Pütz hat die Familie neutral reagiert, als sie von ihren Plänen erzählte. „So nach dem Motto: Jetzt ist Mutter untergebracht.“ Ab und zu werde im Freundeskreis gefragt, warum sie sich das antue. Die Akzeptanz fehle. Niangs Enkel findet es „cool“, dass Oma an der Uni ist. „Ich rede nicht so viel darüber, damit keiner denkt, dass ich angeben will.“

„Hallo“, ruft eine Studentin auf dem Weg zur Bibliothek den beiden Frauen zu. Die grüßen zurück und tuscheln anschließend. „Wer war das noch mal?“, fragt Niang. „Die ist aus dem Seminar gleich“, erwidert Pütz. Man kennt sich, man grüßt sich, ab und zu treffen sich die älteren Studenten auch mit den jungen, um gemeinsam Referate oder Arbeiten zu schreiben. Privat gibt es aber keine Treffen.

„Es gibt viele Unipartys hier, aber die fangen an, wenn wir schon längst schlafen gehen“, scherzt Pütz. Doch schon allein der Umgang mit den jungen Leuten halte jung im Kopf. „Ich muss als Älterer bereit sein, die Meinung von jüngeren Menschen zu akzeptieren. Das kann nicht jeder“, sagt Pütz aus Erfahrung. Sie hat schon erlebt, dass ein Seniorenstudent sich nichts von einem jungen Kommilitonen sagen lassen wollte.

Die Zusammenarbeit in Seminaren sei ansonsten gut: „Meist sind Seniorenstudenten besser vorbereitet als Regelstudenten“, sagt Niang. Deshalb seien sie bei Gruppenarbeiten beliebt. „Die jungen Menschen haben natürlich viel anderes um die Ohren. Hut ab.“ Manch ein Student habe 30 Veranstaltungen, Niang besucht sieben Kurse, das reicht ihr. Vorbereiten, nachbereiten, Texte lesen — und vor allem verstehen.

Durchhänger gibt es auch bei ihnen. „Wenn laufend Texte dabei sind, die man nicht versteht. Das frustriert“, sagt Niang. Einige Philosophen und Soziologen hätten ihr schon Probleme bereitet. „Da muss man sich schon mal quälen.“ Immerhin gibt die Uni den Seniorenstudenten das wichtigste Handwerkszeug mit. „Wir werden zwei Semester lang gecoacht“, erklärt Niang.

Der Inhalt des Kurses: Wissenschaftliche Texte lesen, Hausarbeiten schreiben, sogar Technikkurse werden angeboten. „Inhalte verstehen ist für Jung und Alt gleich schwer“, sagt Pütz.

Niang wendet ein: „Ich glaube aber schon, dass junge Leute sich Sachen noch besser merken können.“ Und dann müssen die beiden auch schon wieder los. Ins nächste Seminar.