Stefan Markolf: Mit Hörgerät in die Bundesliga

Stefan Markolf: Mit Hörgerät in die Bundesliga

Profifussball: Stefan Markolf vom Zweitligisten Mainz 05 ist zu 90 Prozent taub. Jetzt startet er im Verein durch.

Mainz. Einen Sonderstatus genießt er nicht, aber er ist einzigartig i m deutschen Profi-Fußball. Stefan Markolf, Abwehrspieler des Zweitligisten FSV Mainz 05, ist seit seiner Geburt zu 90 Prozent gehörlos. "Profi zu werden, war immer mein Traum. Dass ich es gepackt habe, macht mich schon ein bisschen stolz", sagt der 23-Jährige.

Vor drei Jahren kam er aus dem nordhessischen Baunatal nach Mainz und ist seit dem Frühjahr mit einem Profivertrag bis 30. Juni 2009 ausgestattet. "Der Junge hat Perspektive. Er hat sich die Chance in den letzten drei Jahren in unserer zweiten Mannschaft hart erarbeitet", sagt der Mainzer Trainer Jürgen Klopp. Er erinnert sich an Markolfs Probetraining vor drei Jahren: "Wenn wir nicht gewusst hätten, dass er nichts hört, wäre es uns kaum aufgefallen. Auf dem Platz orientiert er sich über die Augen. Das ist im Fußball auch wichtiger als das Hören."

Der Sprung ins Rampenlicht der Zweiten Liga kommt für Markolf womöglich schneller als gedacht: Marco Rose, als Linksverteidiger beim Bundesliga-Absteiger eigentlich gesetzt, zog sich bei einem Testspiel einen Bruch des äußeren Mittelfußknochens im rechten Fuß zu und fällt damit zum Saisonstart am 12. August gegen den Nachbarn TuS Koblenz aus. Beste Chancen also für Markolf, gleich in die Startelf zu rutschen.

Fachleute wie der Bundestrainer der deutschen Gehörlosen-Nationalmannschaft, Frank Zürn, bewerten den Aufstieg des Linksverteidigers als Sensation. Markolf nimmt es eher gelassen. "Für mich ist die Behinderung ja nichts Neues. Von klein auf habe ich die Konzentration auf das Sehen ausgerichtet. Ich kann das Spiel lesen und bin nicht so sehr auf Zurufe angewiesen", erklärt Markolf, der für die Profikarriere die Ausbildung zum Physiotherapeuten abbrach. "Vielleicht kann ich Vorbild sein für andere Hörbehinderte, insbesondere für Kinder. Ich kann ihnen zeigen, dass man damit alles erreichen kann, wenn man an sich glaubt und selbstbewusst auftritt." Für den Fußballplatz hat er sich spezielle 3000 Euro teure Hörgeräte gekauft: "Sie fallen nicht so leicht raus und gehen auch nicht kaputt, wenn mal ein Ball drauf fällt. Nässe macht ihnen auch nichts aus."

Zur Kommunikation braucht Markolf Sichtkontakt zum Gegenüber. Er liest von den Lippen. Mit dem Sprechen hat der Jung-Profi wenig Probleme. Mal verschluckt er eine Silbe, mal geht es etwas stockend, doch immer kann er sich klar verständlich machen.

"Das ist ein ganz Lustiger. Auf ihn können wir bauen", sagt Jürgen Klopp. Im Spiel sucht Markolf oft Blickkontakt zu ihm und den Mitspielern, orientiert sich an Gesten. Einmal überhörte er im Vorbereitungsspiel gegen Hajduk Split einen Pfiff des Schiedsrichters und spielte einfach weiter.

"Das passiert schon mal", sagt Markolf. Um Missverständnissen vorzubeugen, wird deshalb vor dem Spiel der Schiedsrichter über das Tragen der Hörgeräte informiert - schon damit er nicht vom Platz gestellt wird, wenn er einen Pfiff überhört.

Zur Person Er wurde am 3. Januar 1984 im nordhessischen Witzenhausen geboren. Von Geburt an ist Stefan Markolf so gut wie gehörlos, er hört nur etwa zehn Prozent. Seine Ausbildung zum Physiotherapeuten hat er zugunsten der Fußballkarriere vorerst abgebrochen.

Fußball-Stationen: Der verteidiger spielt von 2001 bis 2004 beim Oberligisten KSV Baunatal. Seit 2004 ist er beim FSV Mainz unter Vertrag. In der Saison 2005/06 stand er im Profikader der Mainzer, wurde jedoch nie eingesetzt.

Torbilanz Regionalliga: 15 Spiele, 0 Tore; Oberliga: 60 Spiele, 7 Tore

Mehr von Westdeutsche Zeitung