Spiele-Messe - wie Gesellschaftsspiel populär wurden

Gesellschafts-Spiele : Gesellschaftsspiele sind das Lagerfeuer der Gegenwart

Gemeinschaft als Gegenpol zum Computer: Die internationale Spielemesse in Essen bricht Rekorde gleich in Serie.

Die Spieleboxen mit Brettspielklassikern und exotischen Strategiespielen stapeln sich bis unter die Decke. Mit rund 14 000 Spielen platzt das Spielezentrum in Herne schon jetzt aus allen Nähten. Die nach eigenen Angaben größte ausleihbare Spielesammlung der Welt wird daher 2020 in ein größeres Gebäude umziehen, berichten Leiter Thomas Moder und seine Stellvertreterin Susanne Klaus. Das Interesse sei über die Jahre gewachsen, trotz oder gerade wegen der Digitalisierung. Da sind sie sich einig.

„Die Leute sitzen oft beruflich genug vor dem Computer, da wollen sie in der Freizeit einfach diese Gemeinschaft. Früher ging man vielleicht in die Kneipe, heute triffst du dich zum Spieleabend im Spieleclub“, sagt Martin Brock-Konzen, Vize-Präsident des Spieleclubs Ali Baba. Unter dessen Dach haben sich an mehreren Standorten in Deutschland inzwischen etwa 800 Mitglieder versammelt.

Spielen boomt – und das wird auch in der Öffentlichkeit sichtbar. Ausleihstätten, Spieleclubs oder Events, die sich um das gemeinsame Würfeln, Kombinieren und Zocken drehen, finden immer regeren Zulauf, wie Hermann Hutter, Vorsitzender des Verbundes der Spieleverlage, sagt. Es spiegelt sich auch im Wachstum der weltgrößten Publikumsmesse der Branche: In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Ausstellungsfläche der internationalen Spieltage in Essen verdoppelt. Von Donnerstag bis Sonntag präsentieren auf der „Spiel“ 1200 Aussteller mehr als 1500 Neuheiten, und mehr als 190 000 Besucher werden erwartet. Das ist dreimal Rekord.

„Das Spiel ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagt Dominique Metzler vom Veranstalter Friedhelm Merz Verlag. Die Spieleverlage merken das an einem „irren Wachstum“, wie er sagt: 40 Prozent Umsatzplus in den vergangenen fünf Jahren. Ein Segment steche in diesem Jahr als Treiber hervor: Die Vermarkter haben junge Erwachsene und ihren Hunger nach immer komplexer werdenden Spiel-Herausforderungen entdeckt.

„Siedler von Catan“ begründet einen Imagewandel

Wer auf der „Spiel“ nach Beispielen für sogenannte Kenner- oder Expertenspiele fragt, dem schlackern nach kürzester Zeit die Ohren angesichts vielschichtiger Spielideen oder eines komplexen Aufbaus: Mit Würfeln, Karten und Spielfiguren erleben die Mitspieler Abenteuer in aufwendig gestalteten Welten – von der einsamen Insel bis zum Raumschiff. Wieder andere machen die Mitspieler zum Manager einer Modenschau oder zur Fantasy-Figur in einer erbitterten Schlacht.

„Wir erleben einmal mehr ein Auseinanderdriften von Spielen für Familien einerseits und für echte Kenner andererseits, die sich dann aber auch nicht scheuen sollten, sich erst mal durch 20 Seiten Anleitung zu arbeiten“, sagt Christian Beiersdorf, Geschäftsführer der Spiele-Autoren-Zunft. Das gehe mit einem Imagewandel einher: War vor 20, 30 Jahren das Spiel noch verpönt als Kinderkram oder in Form einer Skatrunde allenfalls etwas Bierernstes für den Stammtisch, seien seit dem Durchbruch mit „Siedler von Catan“ immer mehr anspruchsvolle Gesellschaftsspiele auf den Markt gekommen.

„Die Spiele-Welt hat sich enorm entwickelt“, sagt auch Brock-Konzen. „Das Brettspiel ist nicht mehr nur in der Familie verankert, sondern längst auch in öffentlichen Räumen angekommen.“ Von der Gemeinschaft profitierten die Spieler nicht nur durch das bloße Miteinander: Je nach Spielertypus könne man das passende Spiel aussuchen – Mitspieler gibt es genug. Auch praktisch: Es finden sich immer Experten, die das neueste Spiel schon getestet haben.

Und so werden auch die Premieren der „Spiel“ nun genau unter die Lupe genommen: Was passt zu wem, was funktioniert und was kann man in der Neuheitenflut getrost links liegen lassen: „Bei Hunderten Neuheiten ist ja immer auch Schund dabei“, gesteht Brock-Konzen.

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