Social Media: Ständig erreichbar, und alles wird ausgeplaudert

Social Media: Ständig erreichbar, und alles wird ausgeplaudert

Facebook, Twitter und andere – die virtuellen Kontakte überlagern die realen. Und der Datenschutz bleibt auf der Strecke.

Düsseldorf. Was machst du gerade? Die wohl meistgestellte Frage des Jahres im Netz. Millionen von Computernutzern weltweit beantworten sie und offenbaren damit einen Teil ihres Privatlebens. Denn 2009 ist das Jahr, in dem Facebook zum Massenphänomen in Deutschland wird und damit andere der über 100 sozialen Netzwerke wie Xing, Lokalisten, Wer-kennt-wen oder StudiVZ abhängt.

Zu Beginn des Jahres mit 150 Millionen Nutzern weltweit gestartet, hat sich die Zahl der Facebook-Nutzer in einem Jahr mehr als verdoppelt. Laut Firmenangaben tauschen 350 Millionen Menschen hier ständig Informationen, Fotos, Videos aus.

In sozialen Netzwerken teilt sich jeder nach seinem Belieben mit, stellt sich auf seiner Profilseite dar: Claudia ist gerade wieder Single, sie hat ihren Beziehungsstatus geändert. Das findet Luca toll. Markus hingegen scheint mal wieder die große Liebe gefunden zu haben und dokumentiert das mit unzähligen Fotos seiner neuen Flamme. Marion sitzt im Kino - und lässt uns wissen, dass George Clooney nicht so toll rüber kommt. Während Tanja auf einer Weltkarte markiert hat, wo sie überall schon war.

Durchschnittlich ist jedes Facebook-Mitglied mit 130 Freunden vernetzt, die seine Einträge kommentieren können. Die veröffentlichten Mitteilungen sind unverbindlich, weil sie sich an viele richten: Es geht darum zu zeigen, was einen interessiert - und worüber man sich definiert. Das wiederum macht das Social Web für Marketingstrategen interessant: Noch nie gab es so viele Daten und so viele Informationen über die Kunden, die bereitwillig über sich und ihre Vorlieben Auskunft geben.

Das ruft die Datenschützer auf den Plan. Sie warnen, genau zu überlegen, was man von sich preisgibt. Personalchefs könnten sich über künftige Mitarbeiter informieren und ein Partyfoto könnte dann zum Verhängnis werden. Dem entgegnen die Facebook-Fans: Wer will schon bei einer Firma arbeiten, die einen ausspioniert?

Im Übrigen spreche ein reges Sozialleben doch eher für einen Bewerber. Dennoch gab es 2009 erste Kündigungen: Mitarbeiter, die sich krank meldeten, dann aber eine sehr lebendige Netzwerk-Aktivität an den Tag legten. "Bin im Fitnessstudio."

Dank Internet-Handys kann man seinen Online-Freunden jederzeit an jedem Ort seine Befindlichkeit mitteilen. Mit der ständigen Vernetzung ist die ständige Erreichbarkeit gegeben. Gleichzeitig wird den Community-Freunden vermittelt, doch ganz nah bei ihnen zu sein.

In sozialen Netzwerken lösen sich Zeit und Raum auf, werden reale Grenzen überwunden. Das mussten im Juni die Machthaber im Iran erfahren. Mit Hilfe des Online-Dienstes Twitter organisierten Regimegegner Proteste und erzeugten damit Öffentlichkeit für die Ereignisse, über die die Weltpresse berichtete. Auch bei Twitter gilt: "Teile und entdecke, was auf der Welt in diesem Moment passiert." So lautet der Slogan des Dienstes, der 2009 ebenfalls für Furore sorgte. Im Gegensatz zu Facebook teilen sich die Nutzer in höchstens 140 Zeichen mit.

Twitter ist schnell: Erstmals im Mai zeigte sich bei der Wahl des Bundespräsidenten die Lösung von der Zeitachse. Vor der offiziellen Bekanntgabe konnten die Nutzer bereits den Wahlausgang lesen. Auch bei der Bundestagswahl kursierten erste Prognosen lange vor Schließung der Wahllokale um 18Uhr.

Während die sozialen Netze boomen, verliert die E-Mail an Bedeutung. Sie gilt als veraltet und langsam. Private Nachrichten kann man in Facebook oder Twitter ebenso hinterlassen. Die Online-Gemeinde kommuniziert lieber in Echtzeit - per Chat. Wegen der spontanen Interaktivität verlieren feste Verabredungen an Bedeutung. Die SMS vereinfachte noch das Zuspätkommen. "Sorry, bin erst in 20 Minuten da". Dank Twitter & Co erfahren Freunde oder Follower: Bin um 20 Uhr zum Bier in der Lieblingskneipe. Wer kommt noch?

Das deutet auf den nächsten Trend hin. 2010 geht es nicht mehr nur um das Was, sondern um das Wo. Wo bist du gerade? Ein rhetorische Frage, denn die Antwort liefert das Handy, das die aktuelle Position kennt. Der Mix aus Twitter und GPS existiert und heißt Foursquare: Andere sehen, wo ich gerade bin - und ich sehe, wo die Freunde sind. Damit verwischen die Grenzen zwischen virtuellem und realem Leben. Es wird zum Schaubild in Echtzeit: Wo ist was los? Welches Restaurant ist überfüllt? Welche Straße? Wo steigt die Party?

Die Vorstellung ist gruselig? Mag sein, ein Handy lässt sich aber auch jederzeit ausschalten. Und auch für Aussteiger aus sozialen Netzen hält das Internet Hilfen bereit.