Verwahrloste Immobilien: So wird ein Problemhaus in Duisburg geräumt

Verwahrloste Immobilien: So wird ein Problemhaus in Duisburg geräumt

Ein ganzer Trupp kämpft gegen verwahrloste Immobilien. Diesmal trifft er in Hochfeld auf tote Ratten und Brandgefahr.

Duisburg. Feuerwehrmann Jörg Theilenberg klettert über ein abgewetztes Kunstledersofa, das den gesamten Hausflur neben dem Treppenaufgang blockiert. Als er die Kellertür öffnet, schlägt ein beißender Gestank heraus. Die Lampen funktionieren nicht, trotzdem offenbart sich das Problem im Licht der Taschenlampe am Fuß der engen Treppe rasch: Überall liegen tote, verrottende Ratten herum. Hinter Theilenberg steigt ein Statiker des Tüv hinab in die Dunkelheit. Er schüttelt den Kopf. Dass in diesem „Problemhaus“ im Duisburger Stadtteil Hochfeld noch niemandem etwas passiert ist, war offensichtlich nur Glück. Die „Task Force“ der Stadtverwaltung wird es heute schließen.

Wie unsere Zeitung berichtete geht die Truppe unter der Leitung von Rechtsdezernentin Daniela Lesmeister seit Herbst gegen Schmuddelhäuser in Marxloh und Hochfeld vor, in denen meist Großfamilien aus Bulgarien und Rumänien hausen. Auf engstem Raum und unter schlechtesten Bedingungen. Oftmals in ihren Heimatländern mit der vermeintlichen Aussicht auf ein goldenes Leben im Westen durch die Eigentümer der heruntergekommenen Häuser geködert. Diese Geschäftemacher, so erklärt Lesmeister, beantragen dann Kindergeld für die Familien — meist für mehr Kinder als vorhanden — und behalten es selbst ein. Ein perfides Geschäftsmodell, das die Dezernentin und ihre Partner austrocknen wollen.

Zehn Problemhäuser haben sie seit Ende des Jahres schon geräumt. Heute haben sie sich das graue Mehrfamilienhaus in Hochfeld vorgenommen. Vertreter von Stadtwerken, Ordnungsamt, Feuerwehr, Polizei, Wirtschaftsbetrieben, Bauordnung, Tüv, Kindergeldkasse und Steuerfahndung stehen morgens um 9 Uhr vor der Tür. An der Fassade läuft ein Gewirr aus Stromkabeln entlang, von Fenster zu Fenster. Auf die Klingeln achten die „Task Force“-Leute gar nicht — sie werden ohnehin nicht funktionieren, die Namen nicht stimmen. Das zeigt im Treppenhaus auch ein kurzer Blick auf die verbeulten Briefkästen: Auf jeden einzelnen ist eine Vielzahl von Namen gekritzelt. Wer hier gemeldet ist, wer hier wirklich wohnt — solche Belange werden in diesem Milieu ähnlich kreativ gehandhabt wie die Stromversorgung.

Der Tross steigt die Holztreppe hinauf, die hier und da mit Pressspanplatten geflickt wurde. Es riecht nach Urin. Auf Löchern im abblätternden Putz der Wände sitzt noch manch wackeliger Lichtschalter, aber auf Druck passiert rein gar nichts. Von der obersten Etage führt eine enge Stiege hinauf zum Dachboden, ein dusteres Kämmerchen voll Taubenmist mit bräunlichem Dämmstoff an den Schrägen. Wie die Vögel hereinkommen, bleibt ein Geheimnis. Das einzige Fenster öffnet nicht, einen Rauchabzug für den Fall eines Feuers gibt es nicht. Jörg Theilenberg von der Feuerwehr presst die Lippen zusammen.

Im ersten Stock klopft Ralf Heuberg, Projektkoordinator der „Task Force“, zum dritten Mal an eine Wohnungstür. „Moment!“, ertönt endlich eine wütende Männerstimme von drinnen. Kurz darauf öffnet ein offensichtlich verschlafener Bulgare die Tür. Die Verwunderung in seinem Gesicht angesichts der Stadtvertreter ist nicht unbedingt gewaltig. Eine Dolmetscherin übersetzt ihm, was Heuberg will. Einen Mietvertrag habe er, sagt der Mann, zahle aber immer bar. Er wird aufgefordert, alle Papiere zur Überprüfung vorzubereiten.

Derweil sind zwei Mitarbeiter der Stadtwerke über das Ledersofa im Erdgeschoss in den Hinterhof gelangt, begutachten die Müllberge und das noch schlimmere Kabelwirrwarr an der Rückwand. Eine fast 30 Zentimeter lange, braune Ratte huscht zwischen zwei Mülltonnen hervor und verschwindet in einem Riss im Betonboden. „Hm, nicht wirklich eine Überraschung“, murmelt der Stadtwerke-Mann. Kurz darauf schraubt er den Holzkasten im Hausflur auf, öffnet die Abdeckung und pfeift durch die Zähne: „Oh oh, hier wurde gegen fast alle Vorschriften verstoßen.“ Sein Kollege schaut auf ein Klemmbrett: „Fünf Zähler müssen wir ja sowieso abnehmen. Die sind nicht mal angemeldet.“

Am Ende werden sie hier alles abklemmen. Strom, Wasser, Gas. Denn vor der Tür bespricht sich Daniela Lesmeister gerade mit ihren Experten von Tüv und Feuerwehr. Die Statik im Keller ist nicht sicher, der Schädlingsbefall ein Problem. Auch Jörg Theilenberg hat ernste Bedenken: Das Holztreppenhaus ist im Brandfall eh eine Gefahr. Aber ohne Rauchabzug und mit nicht dicht schließenden Wohnungstüren hätten er und seine Kollegen bei einem Feuer kaum eine Chance, die Bewohner rechtzeitig zu retten. Und erst vor wenigen Wochen ist ein solcher Ernstfall eingetreten: In einem Schmuddelhaus an der Annastraße mit mehr als 100 angemeldeten Menschen brach Mitte Dezember ein Feuer aus, mehrere Menschen wurden verletzt in Krankenhäuser gebracht — darunter Kleinkinder und Säuglinge.

Daniela Lesmeister nickt, vor Kälte zitternd: „Also können wir feststellen: Gefahr im Verzug. Wir schließen das Gebäude.“ Sie zieht ein Handy aus der Jackentasche und ruft den Vermieter an — man kennt sich schon: „Er besitzt hier mehrere Häuser“, erklärt die „Task Force“-Chefin. Und es ist auch nicht sein erstes, das die Stadt räumt. Für die Unterbringung seiner Mieter wäre er verantwortlich — doch Lesmeister weiß bereits, dass sie darauf nicht hoffen kann.

Derweil ziehen ihre Mitarbeiter von Etage zu Etage und erklären mit Hilfe zweier Dolmetscherinnen den Bewohnern, dass sie ihre Wohnungen verlassen müssen. Eine vierfache Mutter aus Bulgarien bittet inständig, auf die Rückkehr ihrer älteren Kinder aus der Schule warten zu dürfen — was Ralf Heuberg ihr gestattet. Das Haus wird später mit einer massiven Stahltür versiegelt, aber seine Mitarbeiter werden den ganzen Tag über für eventuell später heimkommende Menschen bereitstehen. Auch in den kommenden Tagen dürfen sie immer wieder in Begleitung ins Gebäude, um ihren bescheidenen Besitz zu holen. Die Möbel in der Wohnung der Bulgarin sind billig und kaputt, aber sie hat sich ganz offensichtlich Mühe gegeben, die Räume hübsch einzurichten. Es ist sauber. Trotzdem reagiert die Frau lange nicht so verzweifelt, wie man glauben sollte. Es ist nicht die erste Wohnung, die sie auf diese Weise verliert, erklärt eine Mitarbeiterin der Stadt.

Auch diesmal wird sie mit ihren Kindern irgendwo bei irgendwem unterkommen. Vielleicht in einem der weiteren über 70 Duisburger Problemhäuser. Vielleicht von demselben Vermieter, der inzwischen angerückt ist und sich mit Daniela Lesmeister im Hausflur streitet. „Die Zustände hier sind menschenunwürdig“, wirft sie ihm schließlich an den Kopf. Der Mann schüttelt nur den Kopf. Einsicht sieht anders aus. Genervt wendet sich die Dezernentin ab und geht hinaus in die Kälte. „Man begegnet bei dieser Arbeit immer wieder denselben Menschen“, sagt sie. Das Geschäft mit den Schmuddelhäusern scheint nach wie vor ein einträgliches zu sein. Dagegen will die „Task Force“ weiter kämpfen. Haus für Haus.