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Schlammlawine in Afghanistan: Der Schock ist allgegenwärtig

Schlammlawine in Afghanistan: Der Schock ist allgegenwärtig

Zwei Tage nach der Katastrophe mit 2100 Toten stehen Hunderte Menschen vor dem Nichts.

Kabul. Der Bauer Mehrabuddin hatte bei einer Hochzeitsfeier am Freitag noch zu Mittag gegessen. Dann war er gegangen. Mehrabuddin wollte zurück zu seinem Hof, der etwas außerhalb des Dorfes Ab-e-Barik in der afghanischen Provinz Badachschan liegt. „Als ich zurückkehrte, sah ich dort, wo vorher mein Haus stand, nur noch einen kleinen Schlammhügel“, berichtete der 51-Jährige. „Ich habe überlebt, aber ich habe mein ganzes Leben innerhalb von drei Minuten verloren“, erzählt er. Seine gesamte Familie starb unter Geröllmassen.

Foto: MOHAMMAD ISMAIL

Zwei Tage nach der verheerenden Schlammlawine saß der Schock im Dorf Ab-e-Barik noch immer tief. Für mehr als 2000 von einer Schlammlawine verschüttete Bewohner gab es keine Hoffnung mehr. Rettungsmannschaften brachen am Wochenende die Suche ab. Die Regierung in Kabul erklärte Teile des von den Erdmassen weggerissenen Dorfes zu einem Massengrab. Mindestens 350 Menschen wurden offiziell für tot erklärt.

Doch Mehrabuddin hegt keinen sehnlicheren Wunsch, als den, seinen neun Monate alten, toten Sohn noch einmal zu sehen. „Ich möchte ihn, meine Frau und die anderen Kinder beerdigen“, erzählte der Mann mit verquollenen Augen. Er wisse, dass die Regierung zwar das Richtige tue, wenn sie die Leichen nicht aus den Geröllmassen berge. „Aber ich würde alles dafür tun, meine Kinder zum letzten Mal zu sehen und zu küssen.“

Diejenigen, die überlebt haben, erzählen immer wieder mit Grauen von einem Geräusch, „als wenn etwas Großes bricht“. Es war eine gewaltige Lawine, die bald darauf Häuser, Tiere, Felder, Gärten und alles andere im Dorf verschlang. Bergungsmannschaften gingen am Wochenende davon aus, dass etwa 300 Familien und insgesamt bis zu 2100 Menschen unter der Schlammlawine begraben und getötet wurden. Etwa 700 Familien leben seither unter freiem Himmel und werden von der Regierung und Hilfsorganisationen mit dem Nötigsten versorgt. Zudem seien zwei mobile Kliniken sowie Medikamente in die Unglückszone geschickt worden. Vor allem aber hoffen die traumatisierten Überlebenden, inmitten der Schlammberge nun bald wieder einen Ort zum Leben zu finden.

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