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Schauspielkategorie: Serkan Kaya ist der Türke mit Abitur

Interview : Schauspielkategorie: Serkan Kaya ist der Türke mit Abitur

Serkan Kaya hat gerade den Grimmepreis gewonnen, ohne ihn in Empfang nehmen zu können. Der Schauspieler sagt aber auch: „Das Äußere ist leider immer noch entscheidend.“

Er ist Musicalstar und als Schauspieler im Fernsehen, auf der Kinoleinwand und im Düsseldorfer Schauspielhaus zu sehen – Serkan Kaya ist vielgefragter Vielkönner. Ende März sollte er mit dem renommierten Grimmepreis ausgezeichnet werden. Doch die Verleihung wurde wie viele andere Veranstaltungen wegen der Corona-Krise abgesagt. Diese Zeitung telefonierte mit dem Schauspieler.

Herr Kaya, wie geht es Ihnen in dieser extremen Situation?

Serkan Kaya: Ich bin festes Ensemblemitglied am Düsseldorfer Schauspielhaus und dadurch in einer Festanstellung. Das ist gerade ein sehr beruhigendes Gefühl. Aber es gibt eine große kreative Szene, die freiberuflich arbeitet. Diese Kollegen dürfen wir nicht vergessen und müssen sie unbedingt unterstützen. Deren Beitrag in der kulturellen Landschaft ist nicht hoch genug zu würdigen.

Wie verbringen Sie die Tage in der Ausnahme-Situation?

Kaya: Meine Frau und ich haben drei Söhne. Zehn, drei und zwei Jahre alt. Bei uns herrscht generell Ausnahmezustand, bei vier Männern im Haus mit Testosteronüberschuss.Tatsächlich ist es so, dass wir uns sehr lieben und als Familie noch mehr zusammengerückt sind. Wir versuchen das Prinzip „KPU“ zu leben: Konsequent Positive Unterstellung.

An welchen TV-Produktionen sind Sie beteiligt und wie läuft die Arbeit trotz massiver Einschränkungen?

Kaya: Ich bereite mich auf eine Miniserie vor, die sich mit dem Thema „Corona, Quarantäne“ beschäftigt. Wir drehen auch schon. Alle Darsteller bekommen ein Technikpaket zugeschickt, das sie zu Hause aufstellen und jeder dreht sich selbst von zu Hause aus – ohne wirklich beisammen zu sein. Regisseur Lutz Heineking ist berühmt und berüchtigt für seine unorthodoxe Arbeitsweise. Von ihm stammt auch die grimme­nominierte Serie „Andere Eltern“, bei der ich dabei war. Generell glaube ich aber als Schauspieler, dass Distanz, sei es im Theater oder Film/Fernsehen, auf Dauer nicht möglich ist.

Eigentlich wären Sie am 27. März mit dem Grimmepreis ausgezeichnet worden. Für welche Sendungen?

Kaya: Zwei Projekte, bei denen ich beteiligt war, waren nominiert. Die Serie „Andere Eltern“ (gerade zu sehen auf Sky Ticket) und der Spielfilm „Der König von Köln“ (noch bis 24. April in der Mediathek). „Der König von Köln“ und ich als Schauspieler wurden mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

Welche Rolle spielten Sie darin?

Kaya: Ich spiele die fiktive Figur Andrea DiCarlo, die durch anfänglich noch kleine Gefälligkeiten immer tiefer in den Sumpf aus Klüngel und Korruption rutscht und sich letztlich dagegenstemmt. Das Buch von Ralf Husmann, das die Wirklichkeit des Oppenheim-Esch-Skandals unverkennbar mitgeschrieben hat, ist mitreißend. Die gelungene Gesamtkomposition von der Musik über den Text („Politik heißt, alles so lange im Ungefähren zu halten, bis es nicht mehr zu ändern ist“) bis zum Zusammenspiel der Charaktere nimmt die Zuschauer intellektuell und emotional mit.

Wie empfinden Sie die Auszeichnung?

Kaya: Es ist noch ein wenig surreal. Vielleicht wird es realer, wenn ich den Preis am 21. August überreicht bekomme? Im Moment empfinde ich eine enorme Dankbarkeit, in der Masse an Produktionen gesehen worden zu sein.

Sie galten lange Jahre als Musical-Star. Was hat Sie an diesem Genre so gereizt?

Kaya: Den gesamten Körper mit all seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten einzusetzen, hat mich enorm gereizt. Wenn die Emotionen dich so sprengen, dass das gesprochene Wort nicht mehr ausreicht und du singen musst, kann das unheimlich intensiv sein. Ein hohes C zu singen, ist für mich wie eine Katharsis.

In welchen Rollen wurden Sie in Musicals schon besetzt?

Kaya: Ich war „Luigie Lucheni“, der Mörder der Sissi in „Elisabeth“, ich war „Judas“ der Verräter in „Jesus Christ Superstar“, ich war der Rebell „Galileo“ in „We Will Rock You“, ich war Rockstar „Udo Lindenberg“ in „Hinterm Horizont“.

Hat Ihnen Ihr südländisches Aussehen Rollen beschert?

Kaya: Rollen, die von Schauspielern Kreativität einfordern, bringen sie oftmals selbst nicht auf. Daher ist das Äußere leider immer noch entscheidend. Auch wenn ich bisher davon nicht so betroffen war oder womöglich profitiert habe. Wie viele Schauspieler gab es vor mir in der Musicalszene, die so aussahen wie ich? Aber das ist nicht die entscheidende Frage. Eher: Wie viele wird es nach mir geben? In Film/Fernsehen sieht es ähnlich aus. Meine Namen heißen da zwar unter anderem Björn, Thomas oder Herrmann. Aber für manche Rollen bin ich nicht deutsch genug, für die anderen nicht Gangster genug. Ich gehöre halt zur Schauspielkategorie „Türke mit Abitur“.

Und auf der Theaterbühne?

Kaya: Sönke Wortmann holte mich als „Achmet“ ans Schauspielhaus Düsseldorf mit der Produktion „Willkommen“. Aber in diesem Stück geht es gerade um Klischees, welche durch meinen Auftritt komplett umgeworfen werden. Ich bin da Sönke sehr dankbar.