Der Weg eines Boxers: Sahan Aybay: Boxkampf in der Disco statt bei Olympia in Rio

Der Weg eines Boxers: Sahan Aybay: Boxkampf in der Disco statt bei Olympia in Rio

Sahan Aybay war als Junge klein und dick. Sein Spitzname war Bärenmarke, jetzt heißt er unter Boxern "The Shadow".

Krefeld/Duisburg. Geschichten wie diese beginnen gern so: „Das Licht ist schummrig, es riecht nach Schweiß …“ Kaum ein Sport bedient so viele Klischees wie das Boxen. Und natürlich treffen wir Sahan Aybay beim Training. Im Masters Gym, tief im Duisburger Problem-Stadtteil Hochfeld. Hier riecht es nicht. Eigentlich sollte Aybay nach Rio fliegen, zu den Olympischen Spielen. Stattdessen steigt er am 19. August zum dritten Mal als Profi in den Ring. In einer Moerser Disco. Und nein, auch die Story dieses höflichen Jungen kommt ohne Klischees nicht aus.

Im Krefelder Sport-Palast macht Sahan Aybay eine Ausbildung zum Einzelhandels-Kaufmann, von da aus geht’s direkt ins Gym. Jeden Abend. „Schön, dass Sie kommen konnten!“ Der 21-Jährige ist freundlich, bescheidenes Auftreten.

Dabei war das Leben nicht immer nett zu ihm. Er wird in Moers geboren, wächst in Vierteln mit hohem Migrationsanteil auf. In der Moerser Kolonie Meerbeck, heißt es, kannst du von der Wiege bis Bahre leben, ohne jemals Deutsch gesprochen zu haben. Aybay will das nicht. Er ist Deutscher mit türkischen Wurzeln, er lebt gern in Deutschland, ist dankbar. Aber im Viertel herrschen andere Gesetze. Als Junge ist Sahan klein und dick, muss sich durchbeißen. Die anderen taufen ihn „Bärenmarke“.

Vater Yilmaz ist sein Vorbild. Der 46-Jährige kam als Gastarbeiter, ist heute Steiger auf Prosper in Bottrop. Und ehemaliger Kickboxer. Er nimmt seine Jungs mit zum Training. Sahan legt mit Ach und Krach einen Hauptschulabschluss hin, hat schlechten Umgang. „Heute weiß ich das“, sagt er.

Der Ring ist Sahans Schule. Schnell wird klar: Bärenmarke ist ein Riesentalent. Über den ABC Rheinkamp kommt er zu Ringfrei Oberhausen, wird 2012 Deutscher Meister, darf im selben Jahr sogar zur WM nach Armenien. Einen Kampf gewinnt er, danach fliegt er raus. Und kriegt die Kurve. Aybay bekommt die Chance, im Olympiastützpunkt Münster ein Internat zu besuchen. „Da waren noch 30 andere Leistungssportler“, erzählt der junge Mann. „Kanufahrer, Basketballer, es ging nur Training, Schule, Training, Schule. Drei Jahre lang, ich habe meinen Realschulabschluss geschafft.“ Dabei geht es dem ehrgeizigen Boxer um mehr. Um Olympia in Rio, da will er hin. Doch der Traum zerplatzt am System. Sahan will nicht nachkarten, er erklärt das so: „Ich bin dem Bundestrainer dankbar für alles. Es ist halt nicht so wie in Amerika: Du haust jeden weg und fährst zu Olympia.“

Sein Trainer Jürgen Fikara versetzt dem Deutschen Boxverband lieber einen satten Leberhaken: „Sahan war einfach nicht an der Reihe. Es geht um Politik und Geld. Wenn einer nicht in Hintern kriechen kann, wird er nichts in diesem Verband.“ Fikara ist gebranntes Kind. 1985 schlug er in Hückelhoven im Finale um die Deutsche Meisterschaft einen gewissen Sven Ottke. Zur WM fuhr dann Sandro Unglaub, der Dritte.“ Und ist heute Friseurmeister in Japan. Fikara steckt seine Energie in Aybays Profikarriere. Den ruft keiner mehr Bärenmarke. Aybay wiegt um die 70, geht im Mittelgewicht an den Start.

Er nennt sich Sahan Balboa bei Facebook — wie einst Rocky im Film. Unter den Boxern heißt er Sahan „The Shadow“ Aybay. Er weiß, dass Sponsoren nur für Sieger zahlen. „Und zurück in den Amateur-Bereich“, fürchtet er, „das funktioniert nicht mehr.“ Dort hatte er 79 seiner 92 Kämpfe gewonnen. Fikara und Aybay setzen auf Risiko. „Ich muss was fürs Ranking tun.“ Keine Luschen mehr als Gegner. Sein Trainer glaubt, dass der Weg steil sein wird. „Sahan besitzt den Siegeswillen, die Intelligenz, die Schlagkraft“, sagt er. Und wenn nicht? „Dann konzentriere ich mich auf meine Ausbildung“, sagt Aybay. Klingt nicht nach Balboa, aber vernünftig.

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