Säureangriff-Opfer vor Gericht: „Ich habe ihm verziehen“

Säureangriff-Opfer vor Gericht: „Ich habe ihm verziehen“

Ihr Ex-Freund soll ihr aus Eifersucht Säure ins Gesicht geschüttet haben. Sie überlebte mit Glück und wird für immer entstellt bleiben. Doch statt zu hassen, will die Frau vergeben.

Paderborn (dpa) - Die Narben in ihrem Gesicht werden durch eine Maske verborgen, doch das Trauma ihrer Seele kann sie nicht verdecken. Immer wieder weint die 39 Jahre alte Frau während ihrer Aussage im Säureangriff-Prozess vor dem Landgericht Paderborn, immer wieder bricht ihre Stimme weg. Sie überlebte einen Angriff mit ätzender Schwefelsäure - ihr Gesicht ist für immer entstellt.

Umso erstaunlicher ist ihre Haltung zu ihrem Ex-Freund auf der Anklagebank: „Ich hasse ihn nicht“, sagt sie über den 39-Jährigen, der ihr aufgelauert und ihr aus Eifersucht die ätzende Flüssigkeit ins Gesicht geschüttet haben soll. Die Liste ihrer Verletzungen ist lang: Die Säure fraß sich in das Gewebe ihrer rechten Gesichtsseite, das Augenlid musste operativ wieder hergestellt werden, Teile der Ohrmuschel fehlen, an Stellen ihres Kopfes wachsen keine Haare mehr.

So schilderte es ihr behandelnder Arzt. In zahlreichen Operationen wurde Haut verpflanzt, weitere Eingriffe werden folgen. Noch muss eine Art Strumpfmaske das empfindliche Narbengewebe schützen und wie ein Korsett in Form halten. Nur mit Glück trugen ihre Atemwege und die Augen keine schlimmen Schäden davon. „Sie ist entstellt, und das wird sie auch bleiben“, so die Prognose des Mediziners.

Um Fassung ringend schildert die 39-Jährige das Erlebte: Wie sie immer häufiger stritten - nur ein halbes Jahr waren sie ein Paar. Er habe ihr vorgeworfen, fremdzugehen. Einmal schlug er sie so, dass sie ein Schädelhirntrauma davontrug. Er rastete aus, als sie mit einem Kumpel zum Joggen verabredet war. „Er hatte wieder getrunken“, sagt die 39-Jährige. Von einem Alkoholproblem bei dem Angeklagten ist die Rede. Sie will, dass er sich helfen lässt, droht mit Trennung, macht aber nicht ernst.

Bis er schließlich - wohl mit reichlich Cognac intus - vor ihrem Haus steht. „Betrügst du mich?“, soll er gefragt haben. „Spinnst du?“, war ihre Gegenfrage. Sie sieht das Glas, fühlt die Gefahr. „Und schon hatte ich die Säure im Gesicht“, erinnert sie sich. Sie schrie vor Schmerz, schleppte sich ins Haus. Im Badezimmer ihrer Nachbarn kollabierte sie, wurde dann in eine Klinik geflogen.

Der Angeklagte hat im Prozess bislang keine Angaben gemacht. Bei einem Gutachter hatte er den Angriff zugegeben. Zugleich stritt er ab, die Attacke geplant zu haben. „Sie ist ein Mensch, der findet, dass jeder eine zweite Chance verdient“, sagte der Anwalt der Geschädigten. Deshalb hatte sie sich überhaupt auf eine Beziehung mit dem bereits wegen versuchten Totschlags Verurteilten eingelassen.

Auch als er betrunken handgreiflich wurde, bekam er weitere Chancen. Vergebung bleibt das Muster, trotzallem, auch jetzt: „Ich habe ihm verziehen“, sagt die 39-Jährige den Richtern in ihrer Vernehmung.

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