S-Bahn muss mit Co-Pilot fahren

S-Bahn muss mit Co-Pilot fahren

Die neuen Züge machen der Bahn große Probleme. Signale wurden überfahren, ohne dass sich die automatische Warnung meldete.

Wuppertal. Normalerweise ist Lokführer Michael Lange allein in seinem Führerstand auf der S-Bahnlinie 9 zwischen Bottrop und Wuppertal. Aber in diesen Tagen ist nichts normal bei der Deutschen Bahn an Rhein und Ruhr. Seit einer Woche hat der 49-Jährige ständige Begleitung, starren ihm die verschiedensten Kollegen über die Schulter.

Mal ein Fahrkarten-Kontrolleur, mal jemand aus der Betriebsüberwachung. Sogar Führungskräfte der Bahn bekamen einen Schnellkurs und verrichten nun Notdienst als „Co-Pilot“ im Führerstand. Nur mit vereinten Kräften kann der S-Bahn-Betrieb in Nordrhein-Westfalen derzeit aufrechterhalten werden.

Die Bahn hat ein ernstes Problem mit ihren 84 neuen S-Bahnzügen, immerhin rund 400 Millionen Euro teuer. Bislang war der Elektro-Triebwagen (ET) 422 der neue Stolz der Flotte: leise, schnell, komfortabel und pünktlich. Aber dann das: Zweimal überfährt ein Zug ein Signal, aber die automatische Warnung bleibt ebenso aus wie die eigentlich fällige Zwangsbremsung.

Ein Fehler im Steuerungsprogramm der Bordcomputer soll die Ursache sein. Es handelt sich um das Zugsicherungssystem PZB („Punktuelle Zug-Beeinflussung“), mit dem die Nichtbeachtung oder Falscherkennung von Signalen durch den Lokführer verhindert werden soll.

Hersteller Bombardier und die Bahn haben das Eisenbahn-Bundesamt eingeschaltet, eine 20-köpfige „Task Force“ von Hersteller Bombardier versucht, den Fehler so schnell wie möglich zu beheben. „Aber dann muss das Bundesamt die Software noch neu genehmigen“, sagt ein Bahnsprecher. Das alles könne Wochen dauern, im schlimmsten Fall sogar Monate.

„Da hat uns Bombardier ein schönes Osterei ins Nest gelegt“, sagt Thomas Franzki von der Betriebsüberwachung der Bahn. Seit kurz nach 4 Uhr morgens passt er auf, dass Lokführer Lange kein Signal überfährt. Bislang sei der Fehler nicht mehr aufgetreten, sagt Franzki. Seit eineinhalb Wochen fahren die S-Bahnen vom Typ ET 422 mit der Doppelbesetzung. Zuerst sei man von einem Bedienungsfehler eines Lokführers ausgegangen. Aber beim Auslesen der Daten in der Werkstatt sei klar geworden, dass der Fehler im System liegt.

War die Pünktlichkeitsquote mit den neuen Zügen auf 95 Prozent angestiegen, zeigt der Trend jetzt wieder nach unten. Michael Lange bleibt bei seiner Tour trotz des aus Sicherheitsgründen verfügten Tempolimits von 100 Stundenkilometern pünktlich: „Wir haben Puffer, die wir jetzt nutzen.“ Bislang hielten sich die Verspätungen für die Pendler in Grenzen. „Aber das kann sich auch mal hochschaukeln.“ Derweil berechnet die Bahn Regressforderungen gegen Bombardier.

„Wir prüfen den Sachverhalt intensiv“, sagt ein Sprecher des Eisenbahn-Bundesamtes in Bonn. „Bislang hatten wir keinen Grund einzugreifen.“ Ob tatsächlich ein ganz neues Genehmigungsverfahren für das Computerprogramm fällig werde, stehe noch nicht fest. Dass die Probleme in wenigen Tagen erledigt sind, das will auch der Sprecher vom Bombardier nicht versprechen: „Wir sind zuversichtlich, das schnell in den Griff zu bekommen. Aber wir reden schon über Wochen.“

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