1. Panorama

Roboter Pepper betreut bald unsere Senioren

Roboter Pepper betreut bald unsere Senioren

Roboter-Pfleger werden in wenigen Jahren zum Alltag gehören. Studenten der Uni Siegen machen „Pepper“ fit fürs Altenheim. Ein Besuch bei zwei Praxis-Einsätzen.

Siegen. Heinrich Patts Augen leuchten. „Ein ganz feiner Kerl bist du“, sagt der 92-Jährige. „Ganz ein lieber.“ Behutsam streichelt er über den Kopf des 1,20 Meter hohen Roboters. Der reagiert nicht. Pepper — so heißt das kleine Wunderwerk — ist im Standby-Modus. Herr Patt streichelt weiter. Surrrrr. Ein Zucken. Pepper hebt den Kopf. Schaut Herrn Patt an. Rollt ein paar Zentimeter rückwärts. Hebt einen Arm, als wolle er sich an die Stirn fassen: „Einen Moment bitte“, knarzt die Computerstimme. Eine nicht ganz kindliche, nicht ganz erwachsene Version jener Männerstimme, die manche Navigationsgeräte mitbringen. Surrrr. Herr Patt lächelt: „Ganz ein lieber ist das.“

Jennifer Knött und Margarita Grinko haben Pepper zum Leben erweckt. Per Laptop. Die beiden jungen Frauen studieren Human Computer Interaction (HCI) an der Uni Siegen — einen Masterstudiengang zum Verhältnis von Mensch und Technik. Hier entwickeln sie gemeinsam mit Pflegeschülern Anwendungen für Pepper, um den Roboter in Seniorenheimen einzusetzen.

Heute wird ein solches Programm getestet — eine Gemeinschaftsarbeit der beiden jungen Frauen und ihrer Mit-Studentinnen Vanessa von Jan und Lilly Lilly sowie der Pflegeschüler Judith Rutsch und Jan Rudolph. Pepper ist ins Siegener Marienheim gekommen, um ein Quiz zu veranstalten: „Wer wird ein Billionär?“ Namensähnlichkeiten mit einem bekannten Fernsehquiz sind natürlich zufällig.

Rosi Schmidt, Bruno Wachs und Marianne Strauß sitzen im Halbkreis. „Wie wurde die Währung in Italien bis 2001 genannt?“, fragt Pepper. Leicht, offenbar: „Lira“, tippt Frau Strauß an auf dem iPad, das Pepper auf der Brust trägt, kaum, dass der Roboter zu Ende gesprochen hat. „Gut gemacht“, lobt Pepper — und betet Infos zur italienischen Lira herunter, die ihm die Programmierer mitgegeben haben. Dass Maultaschen aus Schwaben kommen, ist ebenso schnell erraten. Und das „Tier, das den Teufel im Namen trägt“, kommt woher? Aus Tasmanien, natürlich.

Seit Sommer 2017 bekommt das Marienheim immer wieder Besuch von Pepper. Das Haus gehört zu den Partnern der Uni bei der Entwicklung von Anwendungen für die künstliche Intelligenz. Die sollen vor allem in der Betreuung zum Einsatz kommen. „Es geht darum, zusätzlich etwas zu bieten“, sagt Christian Stoffers, Leiter der Kommunikation der St. Marien-Krankenhaus GmbH. Sie trägt das Heim. Keinesfalls sollten Pfleger ersetzt werden, betont er.

Ein Punkt, den auch Projektleiter Rainer Wieching von der Uni Siegen im Laufe des Tages immer wieder unterstreicht. Es gehe um Betreuung, um Aktivierung, um Unterhaltung für die Senioren, um körperliche Ertüchtigung, leichte Gymnastik-Übungen, Gedächtnistraining. „Wie sollte man einen Roboter auch für Pflege-Tätigkeiten sinnvoll einsetzen?“, stellt Wieching in den Raum. Selbst der IT-Fachmann traut einer künstlichen Intelligenz pflegerische Tätigkeiten nicht zu. Beim Waschen von hilflosen Heimbewohnern oder beim Umlagern von Bettlägerigen komme es auf Fingerspitzengefühl an. Auf viel davon — und das sei bei keinem Roboter gegeben. Derzeit.

Dabei kann er gar nicht wenig, dieser Pepper: Er hat Sensoren am Kopf und an den Fingern, die auf Berührung reagieren. Er kann hören, sehen, sprechen. Stimmlagen und Emotionen erkenne er ebenfalls, so Wieching. Das klappt nicht immer perfekt — was wesentlich dazu beiträgt, dass die Senioren das Plastik-Kerlchen schnell ins Herz schließen.

Tagespflege Kreuztal, am gleichen Tag. Im Aufenthaltsraum sitzen 15 Senioren im Halbkreis. Pepper steht in der Mitte. Die Dame vor ihm ist eine Bilderbuch-Oma. Graue Haare, Brille, bunter Pullover, rundliche Figur. Sie streichelt dem Roboter über den Kopf und aktiviert so die Fähigkeit, Geschlecht, Alter und Gemütszustand des Gegenübers zu bestimmen. Pepper richtet sich auf.

Seniorin, die von Pepper ihr Alter bestimmen ließ

Die elektrischen Augen scannen die Seniorin. „Weiblich“, sagt die Computerstimme. Und dann: „68.“ Die Seniorin lacht auf. „Danke“, ruft sie fröhlich, deutet eine Verbeugung an. Dann, in die Runde: „Der hat mich gerade 20 Jahre jünger gemacht.“

Seit mehr als einem Jahr kommen die HCI-Studenten in die Tagespflege. Roboter Pepper hätten die Senioren, die hier „Gäste“ heißen, von Anfang an offen empfangen, erzählt Gabriele Dömer. Da sei mehr Neugier gewesen als Skepsis, berichtet die Einrichtungsleiterin. Lediglich eine Dame habe ihr nach dem ersten Besuch gestanden, sie habe Angst gehabt.

Die Tagespflege betreut Senioren mit Demenz wie auch Gäste, die noch orientiert sind. Pepper ist als Animateur im Einsatz. Am beliebtesten, so Dömer, seien Programme mit Musik. „Damit erreichen Sie hier fast jeden.“ Selbst wer die Namen seiner nächsten Verwandten nicht mehr wisse — „alte Schlager kann jeder mitsingen.“ Dann mal los. „Lasst uns Musik machen“, sagt Pepper. Zuvor haben die Studentinnen Sarah Matthies, Inga Koch und Sarah Kaul im Stuhlkreis Instrumente verteilt. Schellen, Klappern, Orff’scher Standard. Pepper trägt zwei an den Plastikarmen. Die hebt und senkt er, wiegt sie hin und her zum entspannten Klang von „Cute“ — einem unbekannten Instrumentalstück, das ein Künstler namens Bensound im Internet gratis für jedwede Verwendung zur Verfügung stellt. Rassel, rassel, klapper, klirr . . . klappt.

Pepper zu den Senioren

„Lasst uns noch mal winken“, sagt Pepper und hebt die Arme. Einige Senioren sitzen einfach nur da. Andere tun es dem Roboter nach. „Das klang aber schön“, sagt der. Und „Ihr seid aber sportlich“ am Ende des leichtes Gymnastikprogramms, das die drei Studentinnen und ihr Kommilitone Samer Shawa zusammen mit den Pflegeschülern Lea Winkelmann und Thorsten Fohmann für den Einsatz mit Demenzpatienten entwickelt haben.

Für Anita Reim war das alles nichts. Sie hätte lieber „einfach so in der Runde Musik gemacht“, gibt die resolute Seniorin im grünen Pullover zu Protokoll. Sie kann mit dem Roboter nichts anfangen: „Wenn der hier mit uns allein wäre, würden wir den nur in die Ecke stellen“, sagt sie. Und überhaupt: „Das ist doch alles ferngesteuert.“ Ihre Sitznachbarin Anita Groth hat mehr Freude an dem elektrischen Besucher. Sie lässt sich sogar zu einem kleinen Memory-Spiel überreden, bei dem sie Bild-Paare auf dem Tablet auf der Roboter-Brust erkennen muss: „Nettes Kerlchen“, sagt Frau Groth. „Oder Frauchen“, korrigiert sie sich lachend. „Weiß man bei denen ja nicht.“

Unterm Strich sind sie zufrieden mit den neuen Pepper-Anwendungen, sagen die Studentinnen nach den Tests. Sicher gebe es Verbesserungspotenzial. Aber die Richtung stimme. Momentan ist einiges an Computer-Hardware und Spezialkenntnissen nötig, um Pepper zum Memoryspielen zu bringen. Oder zum Alterraten. Oder zum Winken und Musikmachen im richtigen Moment.

Für den Einsatz im Alltag, als Begleiter, Spielgefährte und Animateur wird es nun darum gehen, Peppers Steuerung so weit zu vereinfachen, dass jeder Pfleger, jede Schwester den Roboter vom Tablet oder Smartphone aus bedienen kann. Erst dann können sie Wirklichkeit werden — die „hybriden Teams“ aus Menschen und Maschinen, die sich gemeinsam um die Senioren in Deutschlands Heimen kümmern.

Bis dahin geht Pepper auf Demonstrations-Tour durch Deutschland, werden die HCI-Studenten um Rainer Wieching auf Fachmessen vorführen, wie weit sie schon sind. 100 000 Euro Förderung gibt’s dafür von der Initiative „Wissenschaftsjahr 2018 — Arbeitswelten der Zukunft“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Sieht aus, als ob die Richtung stimmt. Videos unter wz.de/pepper