1. Panorama

„Polizeiruf“: Tödlicher Streit um jüdisches Erbe

Folgen des NS-Raubzugs : „Polizeiruf“: Tödlicher Streit um jüdisches Erbe

Lukas Gregorowicz wird im „Polizeiruf“ mit den späten Folgen des NS-Raubzugs in einem Eigentümer-Streit in Cottbus konfrontiert.

. Wem gehört das Haus? Den Erben der einst von den Nazis ermordeten Bauherren? Dem Investor, der es ihnen abkaufte, um es zu sanieren und teure Eigentumswohnungen zu errichten? Oder den heutigen Bewohnern und vermeintlichen Eigentümern, die nun dagegen vor Gericht ziehen? Die „Polizeiruf 110“-Folge „Hermann“ behandelt vordergründig einen juristischen Streit, bei dem die Kriminalpolizei auf den Plan tritt, weil eine Bauingenieurin wegen offenbar wichtiger Dokumente getötet wird. Aber hinter den rechtlichen Fragen öffnet sich ein noch viel größerer Raum mit historischen, politischen und moralischen Aspekten – Erbe einer Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reicht.

Am Anfang des ersten „Polizeiruf“-Falls, in dem Lukas Gregorowicz als Kommissar Adam Raczek aus dem deutsch-polnischen Kommissariat ohne die aus der Reihe ausgestiegene Schauspielerin Maria Simon ermittelt, steht ein schrecklicher Mord: Die Leiche der 34 Jahre alten Daniela Nowak wird zufällig bei einem Verkehrsunfall in Polen gefunden. Die Bauingenieurin war niedergeschlagen und, wie sich später herausstellt, noch lebend auf den mit Bauschutt beladenen Lkw geworfen worden. Ihre Wohnung in Frankfurt/Oder wurde durchsucht, der Lkw kam von einer Baustelle in Cottbus, mit der Nowak als Angestellte des Unternehmers Karl Winkler (Sven-Eric Bechtolf) befasst war. Und sie war verabredet mit Maya Spielmann (Orit Nahmias), der sie angeblich Dokumente übergeben wollte, die beweisen, dass Mayas Vater Zvi (Dov Glickmann) der rechtmäßige Eigentümer der Immobilie ist.

Der Israeli ist mit seiner Tochter nach Cottbus gereist, um in dem Gerichtsverfahren um die Besitzverhältnisse auszusagen. Wohl ist dem Holocaust-Überlebenden nicht zumute, auch wenn Maya beteuert, Deutschland habe sich geändert. In Cottbus begegnet der 1939 geborene Zvi Spielmann auch seiner ehemaligen Nachbarin wieder, mit der er in dem Haus seiner Eltern aufwuchs: Elisabeth Behrend (Monika Lennertz) lebt immer noch dort und will am liebsten ihre Ruhe – und sich schon gar nicht mit Hermann, so Spielmanns ursprünglicher Vorname, streiten. Sie kämpft mit alten Schuldgefühlen und der Sorge, aus dem Haus vertrieben zu werden. Unternehmer Karl Winkler (Sven-Eric Bechtolf), der Spielmann das Haus abkaufte, will einen ganzen Gebäudekomplex sanieren und gemeinsam mit Investoren in teure Eigentumswohnungen umwidmen. Das Drehbuch des Krimi-erfahrenen Mike Bäuml schlägt also einen Bogen vom Nationalsozialismus zu den Problemen der Gegenwart.

Nach dem Ausstieg von Maria Simon und einem fulminanten Abschiedsfilm („Monstermutter“), in dem Kommissarin Olga Lenski Opfer einer Geiselnahme wurde, wird es nun weniger spektakulär. Bäuml und Regisseur Dror Zahavi benennen klar das Unrecht, pressen die meisten Figuren aber in kein simples Gut-Böse-Schema. Die Polizei-Arbeit bereitet allerdings nur bedingt Freude. Einzelgänger Raczek trifft in Cottbus eine ihm aus früheren Zeiten bekannte Kollegin, Alexandra Luschke (Gisa Flake), und die beiden gehen herzlicher miteinander um, als es Raczek und Lenski jemals taten. Dafür ist der Cottbuser Dienststellenleiter permanent auf 180, wenn er seinen alten Kollegen Raczek sieht – warum, weiß man nicht genau, außer dass der Mann offenbar Vorurteile gegen Polen hegt. Da vermisst man Maria Simon schon ein wenig.

Regisseur Dror Zahavi sagt, in dem Film gehe es „um Schuld und das Bedürfnis der Deutschen nach Versöhnung und die Schwierigkeit der ersten Holocaust-Generation, dies zu leisten“. Dass ein solcher Stoff nicht ohne antisemitische Misstöne auskommt, ist – leider – allzu realistisch. „Geben Sie doch zu, Sie haben das Geld gerochen“, brüllt Winkler Spielmann an, der sich lange Zeit nicht um das Haus in Cottbus gekümmert hatte. Winkler droht, wenn er nicht sein Geld zurückerhalte, sei Spielmann „am Arsch“. An den Ausdruck erinnert sich der 1939 geborene Spielmann besonders gut – weil so die SS-Männer im Lager geredet hätten, wie man gleich in der ersten Szene des Films erfährt.

Dies sei eine Szene nach einer persönlichen Geschichte seines Großonkels, sagt Zahavi. Der in Tel Aviv geborene und seit den 1980er Jahren in Deutschland lebende Regisseur hat zahlreiche Fernsehfilme mit historischen, aber auch aktuellen Stoffen gedreht. Für „Zivilcourage“ mit Götz George erhielt er 2010 den Grimme-Preis, mit der Verfilmung der Biografie von Marcel Reich-Ranicki („Mein Leben“) war er für den Emmy nominiert. Auch die zurzeit in der ARD ausgestrahlte Serie „Ein Hauch von Amerika“ hat der 62-jährige Zahavi inszeniert.

„Polizeiruf 110 – Hermann“, ARD, 5. Dezember, 20.15 Uhr