NRW-Staatspreis: Beistand für Gewaltopfer

NRW-Staatspreis: Beistand für Gewaltopfer

Seit 20 Jahren hilft Monika Hauser Opfern sexueller Übergriffe. Heute erhält sie den NRW-Staatspreis.

Düsseldorf. In Krisenregionen auf der Welt engagiert sich die Kölner Ärztin Monika Hauser für vergewaltigte Frauen. Heute erhält sie die höchste Auszeichnung des Landes — den Staatspreis NRW.

Im Herbst 1992 beschließt Monika Hauser: Sie kümmert sich jetzt selbst. Weil sich nämlich sonst niemand zu kümmern scheint. Es herrscht gerade Krieg in Bosnien, einer früheren Teilrepublik Jugoslawiens, und die Medien berichten über systematische Vergewaltigungen von Frauen durch serbische Soldaten. Hauser ist schockiert: über die Gewaltverbrechen, aber auch über die Berichterstattung. Die Gynäkologin will etwas Konkretes für die betroffenen Frauen tun. So zögert Hauser nicht lange — und reist ins Kriegsgebiet.

Mit dieser Reise in die bosnische Stadt Zenica beginnt Monika Hauser ein Engagement, das zu ihrer Lebensaufgabe werden soll: Sie plant den Aufbau eines Frauenzentrums, wirbt um Spenden und eröffnet im April 1993 in Bosnien ihr erstes Projekthaus mit gynäkologischer Praxis, psychosozialer Beratungsstelle und Wohnungen. Dort soll kriegstraumatisierten Frauen und ihren Kindern direkt geholfen werden, noch während des Krieges.

4000 bosnische Frauen finden dort bereits im ersten Jahr Betreuung und Hilfe bei Hausers Team. Die ARD-Tagesthemen küren Hauser Ende 2003 zur „Frau des Jahres“ — dank der neuen Bekanntheit fließen 750 000 Mark Spenden (375 000 Euro) an ihre junge Organisation, die damals noch „Medica“ heißt.

In Hausers Wahlheimat Köln eröffnet Medica 1994 ein Büro, von wo aus die Ärztin mit fünf Mitarbeiterinnen die Arbeit koordiniert. Denn es soll nicht bei einem Frauenzentrum bleiben: In der Schweiz geboren, in Italien aufgewachsen und seit 1985 in Deutschland, will sie in mehr als nur einem Land die Opfer von sexueller Gewalt in Krisenregionen unterstützen. So gründet die Organisation in den folgenden Jahren Therapiezentren in Afghanistan, dem Kosovo, Liberia (Westafrika) und weiteren Ländern rund um den Globus.

Inzwischen arbeitet Hausers Organisation unter dem Namen „medica mondiale“. Zahlreiche Auszeichnungen hat sie für ihre Arbeit erhalten, darunter den alternativen Nobelpreis. Nun kommt der Staatspreis des Landes NRW hinzu. Auch das Bundesverdienstkreuz sollte ihr 1996 verliehen werden. Doch sie lehnte ab — aus Protest gegen die Rückführung bosnischer Flüchtlinge aus Deutschland.

Hauser ist jetzt 53 Jahre alt, arbeitet beinahe ihr halbes Leben für Opfer sexueller Gewalt. Beendet sei ihre Arbeit noch lange nicht, sagt sie: „Es braucht einen langen Atem, um Veränderungen nachhaltig bewirken zu können.“ Daher freut sie der NRW-Staatspreis, die höchste Auszeichnung des Bundeslandes, ganz besonders: Die Auszeichnung bedeute „wieder mehr Aufmerksamkeit für ein Thema, das sonst in der Öffentlichkeit und in den Medien weitestgehend gemieden wird“.

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